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Haben die Verschwörungstheoretiker Recht?: Manuskript des Vortrags

November 16, 2015

Dies ist der verschriftlichte Teil des Vortrag über Verschwörungstheorien, den ich am 13.10.2015 im KOZ gehalten habe, sowie der dazugehörige Reader. Die mündlichen Passagen fehlen, ich habe diese Lücken durch Stichworte in Klammern kenntlich gemacht. Eine Aufnahme existiert ebenfalls. Ich werde sie auf diesem blog veröffentlichen, sobald sie mir zugänglich ist. Sollte ich den Vortrag in einer anderen Stadt erneut halten, lohnt es sich trotzdem zu kommen, auch wenn man diesen Text gelesen und verstanden hat. Ich betrachte den Vortrag als work in progress, einige Passagen werde ich noch gehörig ergänzen und ich werde mir Mühe geben, die Beispiele mit denen ich arbeite möglichst aktuell zu halten. Der Vortrag wird also beim nächsten mal nicht der selbe sein.

Haben die Verschwörungstheoretiker Recht?

(Erläuterung in freier Rede: Einleitung zu den gängigen Verschwörungstheorien)

1. Ein Versuch der historisch materialistischen Annäherung an Verschwörungstheorien:

Der Mensch unterscheidet sich vom Tier, weil er zur Antizipation, zur vorausschauenden Planung des eigenen Handelns, in der Lage ist.
Menschliche Arbeit ist immer Ergebnis teleologischer Setzung. Man verlässt das Haus und hat zuvor geplant die Schuhe anzuziehen, man besteigt den Bus, um damit zum Arbeitsplatz zu fahren und man ergreift ein Werkzeug, weil man damit einen Gegenstand bearbeiten möchte. Der ganze Vorgang ist eine Aneinanderreihung vorausschauender Planungen, ein Ergebnis teleologischer Setzungen. Das konkrete Handeln der Menschen ist somit teleologischen Charakters. Der gesamtgesellschaftliche Stoffwechselprozess mit der Natur, also die kollektive Aneignung und Umwandlung der zum Leben notwendigen Naturstoffe, besteht aus einer Aneinanderreihung und Verknüpfung unendlicher vorausschauender, individueller teleologischer Setzungen. Der gesamtgesellschaftliche Lebensprozess ist Arbeitsergebnis teleologischer Setzungen, aber als Ganzes nicht teleologischen Charakters.
Weil der Mensch sich nur durch diese permanenten teleologischen Setzungen als Urheber der Veränderung von Wirklichkeit erlebt, neigt er dazu, Verhältnissen, die nicht planbar, also prinzipiell nicht teleologischen Charakters sind, einen teleologischen Charakter unterzuschieben.
Die Durchschnittsmenschen des Altertums z.B., konnten sich Naturphänomene nur mit dem vorausschauenden Willen der Götter erklären. Hinter einem verheerenden Blitzeinschlag, einer alles mit sich reißenden Flut oder einer lang anhaltenden Dürre, konnten sie nur den Plan einer göttlichen Instanz vermuten, weil ihnen der Alltagsverstand der ansonsten gelingenden, eigenen teleologischen Setzungen i.d.R. gar keine andere Wahl ließ. Die Notwendigkeit zur permanenten Mutmaßung über das, was die Götter wollen und planen, ist mit dem inzwischen erreichten Entwicklungsstand der Produktivkräfte weitgehend obsolet geworden. Blitzschlag, Flut und Dürre stellen in den meisten Weltregionen keine Vorkommnisse mehr dar, die z.B. durch die Vernichtung der Ernte, unmittelbar Hunger und Tod bedeuten könnten und über die man sich deswegen ängstliche Gedanken machen müsste wie noch vor 600 Jahren. Die kapitalistische Produktionsweise nötigt eigene, vermeintliche Notwendigkeiten zu falschen teleologischen Vermutungen und Unterstellungen auf.

Die kapitalistische Ökonomie hat heute nahezu die gesamte Menschheit in der materiellen Reproduktion ihres Lebens in ein Verhältnis zueinander gesetzt. Nicht nur durch das internationale System der Teilung der Arbeit, sondern auch und ersteres vermittelnd, durch das kapitalistische Wertverhältnis. Über dieses Verhältnis und seine Bewegungsgesetze – so sehr beide auch Produkte einer historisch bestimmten Art von konkreten Menschen und ihren teleologischen Setzungen sind – hat kein einzelner Mensch, aber auch keine Gruppe von Menschen, selbst nicht die führenden Charaktermasken der mächtigsten Kapitale, eine Kontrolle. Der Verlauf der Ökonomie, die Bewegungen der Preise, die Konjunkturzyklen, das Aufkommen neuer und Verkommen alter Kapitale, die Lohnarbeitslosigkeit, die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen bis hin zur aktuellen Verwertungskrise können nicht als materielle Verwirklichung zuvor gesetzter ideeller Zwecke erklärt werden, wie das Anziehen von Schuhen, das Besteigen eines Busses oder das Benutzen eines Werkzeugs.
Das Bedürfnis zur Übertragung der eigenen alltäglichen Erfahrung der gelingenden teleologischen Setzungen auf Ereignisse, die prinzipiell nicht teleologischen Charakters sind, ist in allen bisherigen menschlichen Gesellschaften das Gleiche geblieben. Das Objekt der Projektion hat sich allerdings geändert. Mit der zunehmenden Beherrschung der Natur trat der Mensch an die Stelle von Gott. Heute orakelt man über die Verursacher z.B. von Preisbewegungen, wie man vor hunderten von Jahren über den Willen Gottes orakelte. Man beschuldigt kriminelle Bänker oder verortet die Ursache für die aktuelle Verwertungskrise des Kapitals – deren zwangsläufig krisenhaften ökonomischen Bewegungsgesetze sich z.B. aufgrund des tendenziellen Falls der Profitrate und der entsprechend verlängerten Kreditketten hinter ihrem Rücken abspielen und sich in einer phänomenologischen Oberflächenbetrachtung zwangsläufig verkehrt darstellen – in falschen Entscheidungen der Elite oder in der mangelnden Moral der Charaktermasken der Politik oder in der individuellen Gier und den entsprechenden Entscheidungen der Manager etc. pp.
Ist das schon eine Verschwörungstheorie? Ist das irrige Vermuten von ideellen Zwecken als Ursache für gesellschaftliche Phänomene, die prinzipiell nicht ideellen Zwecken unterworfen sind, jenes Denken, das die Ken Jebsens und Jürgen Elsässers dieser Welt auszeichnet? Nein. Dieser Fehler ist allgemein und für die jetzige Gesellschaftsform des Privateigentums an Produktionsmitteln, für den Kapitalismus, konstitutiv. In einem gesellschaftlichen Verhältnis, in dem die bestimmenden ökonomischen Bewegungen nicht aus der oberflächlichen Beobachtung des Alltagsgeschäfts heraus verstanden werden können, sind sie, die unzulässigen teleologischen Unterstellungen, konstitutiver Teil eines notwendig falschen Bewusstseins. Im Denken von Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretikern werden diese unzulässigen Vermutungen teleologischer Setzungen durch das Hinzufügen weiterer Unterstellungen ideeller Zwecke gegen die Realität abgedichtet. Die Vertreter von Verschwörungstheorien lassen sich in ihrer einmal gefassten falschen Grundannahme nicht verunsichern. Eine Verschwörungstheorie ist zuvorderst ein Zirkelschluss unzulässiger Teleologie.
Ein Beispiel für einen solchen gedanklichen Zirkelschluss: Eine Verschwörungstheoretikerin versucht ein Gegenüber davon zu überzeugen, dass die aktuellen Flüchtlingsbewegungen nach Deutschland von den Kapitalisten und der ihnen hörigen Politikerkaste gewollt und gesteuert seien, um die Einheimischen mit billigen und willigen Arbeitskräften ökonomisch unter Druck zu setzen. Auf den vernünftigen Hinweis hin, dass der Bundeskanzlerin oder einem geheimen Interessennetzwerks keine Mittel zur Verfügung stünden, um die Flüchtlingsströme zu lenken, antwortet die Verschwörungstheoretikerin mit weiteren, unzulässigen teleologischen Vermutungen. Nach allem Palaver und einem ergebnislosen ArgumenteHinundHer bezüglich der Einflussmöglichkeiten der Kanzlerin auf die Flüchtlingsströme, schiebt sie ihrem Gegenüber ebenfalls einen ideellen Zweck unter. Anstatt sich verunsichern zu lassen und die eigene Argumentation zu überdenken, behauptet sie, ihr Gegenüber stände selber im Dienste des Staates und könne aus einem daraus abgeleiteten ökonomischem Interesse kein Argument gegen den Staat und sein Führungspersonal zulassen (Erläuterung in freier Rede: Die Verschwörungstheorie 60% der deutschen Bevölkerung wären direkt oder indirekt beim Staat beschäftigt und könnten deshalb nicht die Wahrheit sehen und aufmucken. Eine verschwörungstheoretische Allzweckwaffe. Vertreten u.A. von Andreas Popp, Rico Albrecht und Oliver Janich). Der Zirkel unzulässiger teleologischer Vermutungen und Unterstellungen ist geschlossen und damit eine Verschwörungstheorie.

Zusammengefasst: Während in diesen Verhältnissen unzulässige teleologische Unterstellungen ideeller Zwecke als Ursache für gesellschaftliche Phänomene, die prinzipiell nicht teleologischen Charakters sind, ein üblicher Aspekt eines notwendig falschen Bewusstseins darstellen, besteht eine Verschwörungstheorie – auf dieser Abstraktionsebene dargestellt – aus einem gegen die Realität und jegliche zuwiderlaufende Erfahrung abgedichteten Zirkelschluss unzulässiger teleologischer Unterstellungen. Ein verschwörungstheoretisches Welterklärungsmodell besteht aus einem ganzen System sich gegenseitig bestätigender unzulässiger teleologischer Vermutungen und Unterstellungen.
Auffallend an vielen Verschwörungstheorien, mehr noch aber an ihren Anhängern, ist die Abdichtung ihrer „Argumente“ gegen jeden Einwand. Diese Argumentations- und Faktenresistenz resultiert aus einer bestimmten psychischen Verfasstheit. Zugleich ist die logische Abdichtung gegen Einwände im Muster der Erklärung selbst angelegt. Wenn Prozesse, die nicht-teleologischen Charakters sind, als teleologische aufgefasst werden, dann müssen die imaginären Subjekte dieser Handlungen allmächtig sein und sich von den bekannten Leuten, den „kleinen Leuten“, unterscheiden. Wer einen Nationalstaat, gar einen ganzen Kontinent in eine Wirtschaftskrise stürzen kann, der muss, so ihre Logik, auch Beweise manipulieren, Medien und Politiker kaufen und falsche Fährten legen können etc. Hier lässt sich eine weitere theoretische Grenze zu den in diesen Verhältnissen gängigen, unzulässigen teleologischen Vermutungen ziehen: Nur wenn die vermeintlichen Lenker als fast allmächtig aufgefasst werden, handelt es sich in jedem Fall um eine Verschwörungstheorie. Gott, der angeblich die Welt lenkt, ist immer allmächtig. Die entsprechenden Personen der Verschwörungstheorien sind es, das macht ihr Menschsein aus, nur fast. Sie dürfen nicht völlig allmächtig sein. Sonst würde die Handlungsanleitung keinen Sinn machen. Häufig wird die Aufforderung zur Handlung mit dem Aufruf zum „letzten Gefecht“ verknüpft. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Selbstbenennung der Pegida-nahen Initiative „Endgame“. Ganz wie in der Werbung für ein „limitiertes Produkt“ eine schnelle Entscheidung und kein langes Herumdenken gefordert wird, behaupten die Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker, dass nicht mehr viel Zeit und nur noch eine letzte Chance besteht, um den endgültigen Sieg der Juden etc. abzuwenden.

2. Die Verschwörung als normierende Alltagserfahrung:

Die herrschenden Verhältnisse, basieren auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln, also auf dem Ausschluss der Mehrheit von der Verfügung über die zum Leben notwendigen Produktionsmittel. Der unterschiedlich privilegierte Zugang zu den Produktionsmitteln und ihren Produkten setzt die Menschen untereinander in ein Konkurrenzverhältnis des permanenten Sichselbstanbietens und Verkaufens. Die Produktion der zum überleben notwendigen Gebrauchswerte unter diesen Verhältnissen zeitigt Normierung, Bemessung und Bewertung der von den Menschen selbst verkörperten Ware Arbeitskraft und bringt sie dazu, sich selbst und Andere zunehmend als bloße Arbeitskraftbehälter – ausgestattet mit dem entsprechenden ideellen Interessen – zu betrachten. Der alltägliche Konkurrenzdruck unter diesen Bedingungen macht die Menschen nicht nur zu Arbeitskraftbehältern mit einem entsprechend verengten Blick auf die eigene Funktionalität und die Funktionalität Anderer für die Zwecke des Kapitals, sondern auch zu potentiellen Verschwörerinnen und Verschwörern gegen ebendiese verdinglichten Anderen und ihre jeweiligen Zwecke. Wer kennt sie nicht, die unangenehmen Intriganten, die bereit sind für Geld, Sex, Anerkennung oder politischen Erfolg jedwede Lüge zu ersinnen, hemmungslos hanebüchene Gerüchte zu streuen und Hinterzimmergeschäfte einzufädeln? Wer hat sich noch nicht an einer Intrige gegen einen Nebenbuhler oder eine Konkurrentin beteiligt? Die Verschwörung ist ein Mittel in der Konkurrenz unter dem Primat des Kapitals, wie die „unlautere Werbung“, die illegale Manipulation von Abgaswerten oder das Abschreiben bei Doktorarbeiten.
Die allseits bekannten, realen Verschwörungen und die eigene Verstrickung kommen der Ideologie und Propaganda der Verschwörungsszene zu Gute, als der entsprechende Gedanke aus dem Arsenal instrumenteller Alltagsvernunft in den Hinterköpfen des Publikums: „Wenn ich an der Macht wäre, ich würde es genauso tun“. Die einhergehende Projektion eigener Omnipotenzphantasien in Anbetracht realer Ohnmacht gegenüber den nicht ersichtlichen und wenn ersichtlich, dann unmittelbar nicht beeinflussbaren Bewegungsgesetzen kapitalistischer Ökonomie, verweist – außer auf den, den meisten Verschwörungstheorien innewohnenden Antisemitismus, dessen psychische Motivation u.A. eine solche Projektionsleistung darstellt – auf eine Hauptursache für den aktuellen Aufschwung verschwörungstheoretischer Welterklärungsmuster, auf „die (kapitalistische Verwertungs-) Krise. Diese ökonomische Krise wird – wie könnte es anders sein – zuvorderst als persönliche Krise erlebt.

Wenn die Menschen ihr Leben aufgrund äußerer Veränderungen nicht mehr in der gewohnten Weise reproduzieren können, beginnen sie nach Ursachen für diese Veränderungen zu suchen, um diese Veränderungen rückgängig zu machen. Während dieser Suche und in der entsprechenden politischen Betätigung stoßen sie auf eine ganze Reihe realer Verschwörungen. Mag es sich nun um illegale Preisabsprachen an den Tankstellen, organisierte Schwarzarbeit oder den aktuellen NSU-Komplex handeln; geheime Absprachen zum eigenen Zweck und gegen die Zwecke der Anderen sind unter den herrschenden Verhältnissen ein notwendiges Alltagsgeschäft, an dem jede und jeder immer wieder in unterschiedlichen Positionen haptisch teilhaftig wird. Die Hartnäckigkeit mit der sich die Anhängerinnen und Anhänger von Verschwörungstheorien an ihre falsche Annahme klammern, ideelle Zwecke wären die Wurzel allen gesellschaftlichen Übels, speist sich auch aus diesem Umstand der alltäglichen haptischen Teilhabe an und dem ohnmächtigen Leiden unter realen Verschwörungen.

3. Von den Montagsmahnwachen, zu Pegida:

Wenn die linksradikale Szene einmal mit einer nichtidiotischen Kampagne erfolgreich ist, gehört sie gelobt. Den verschwörungstheoretischen „Mahnwachen für den Frieden“, die vor zwei Jahren im Zuge des aufflammenden Ukraine-Konflikts begannen und sich schnell über das ganze Bundesgebiet ausbreiteten, wurden – maßgeblich von einigen Linksradikalen (Jutta Ditfurth und diversen Internetbloggerinnen und Facebookaktivisten) – zu einem unrühmlichen Ende verholfen. Im letzten Jahr war gut mitzuerleben, wie nicht ideologisch gefestigten Menschen mittels kritischer Interventionen der Furor vermiest werden konnte; wie sich Diejenigen verunsichern ließen, die den verschwörungstheoretischen Zirkelschluss nicht mitmachen wollten. (Erläuterung in freier Rede: Die Diskussionen über Jutta Ditfurth und den Antisemitismusvorwurf im Net und die entsprechenden Spaltungen. Hinweis auf das Statement von Blumio. Begegnung mit Sinner). Leider bedeutet der vorläufige Niedergang der Mahnwachen mithilfe der Linksradikalen nicht, dass die notwendige öffentlichkeitswirksame Auseinandersetzung mit den Anhängerinnen und Anhängern verschwörungstheoretischer Zirkelschlüsse zu einem erfolgreichen Ende im Sinne der Aufklärung gebracht worden wäre. Sie beginnt gerade auf ein Neues, auf einer höheren quantitativen und qualitativen Ebene als zuvor, nämlich mit den ansteigenden Flüchtlingsbewegungen nach Deutschland und der entsprechenden Wutbürgerei von Pegida. Die eher linkspopulistisch-naiv-friedensbewegten Mahnwachen eines Lars Märholz sind Vergangenheit und die rechtspopulistisch ausgerichteten Latschdemos wild gewordener Kleinbürger treten als Lautsprecher der aktuell beliebtesten Verschwörungstheorien auf den Plan. Tagesschau.de sprach am 10.10.2015 in einem Beitrag über die erneut anschwellende Pegida-Bewegung zu Recht von einer „ideologischen Radikalisierung“. In Berlin auf den Friedensmahnwachen konnten die Vertreter der „Lügenpresse“ noch das ein oder andere wirre Interview erhaschen. In ostdeutschen Freiluftschweineställen wie Freital können sie inzwischen froh sein, wenn sie nach dem Zücken des Mikrofons nicht sofort eins in die Fresse bekommen (Erläuterung in freier Rede: Jürgen Elsässer als personelles Bindeglied zwischen „neuer“ Friedensbewegung und Pegida). Es ist zu befürchten, dass sich diese aktuell am lautesten und radikalsten auftretenden Vertreterinnen und Vertreter des Aufschwungs verschwörungstheoretischer Welterklärungsmuster nicht mehr so leicht mittels kritischer Interventionen gegen die der Verschwörungsszene eigene Reproduktion vielgestaltiger antisemitischer Bilder verunsichern und von der Strasse räumen lassen wie die Friedenshippies vom Berliner Alex.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die in diesen Kreisen aktuell am meisten zitierte Verschwörungstheorie, die Friedensmahnwache und die Pegida-Aufmärsche ideologisch verbindet:
Seit den anschwellenden Flüchtlingsbewegungen nach Deutschland mehren sich die Behauptungen, die Flüchtlingskrise wäre vom Staat, respektive von den hinter dem Staat stehenden Mächten, gelenkt. Ausgehend von der unzulässigen teleologischen Unterstellung, das amerikanische Imperium würde aufgrund eigener militärischer Schwäche keine Länder mehr besetzen und beherrschen können, sondern nur noch ins Chaos stürzen (Irak, Syrien, Ukraine), um daraus eigene Vorteile zu ziehen, geht man davon aus, dass auch der aktuelle Flüchtlingsstrom aus Syrien einem ideellen Zweck hinter den Kulissen wirkender Mächte dient. Man wolle, so tönt es auf gut besuchten Konferenzen und aus hunderttausendfach angeklickten youtube-Kanälen, das deutsche Volk durch willige und billige Arbeitskräfte und dankbare Wähler aus dem Ausland ersetzen. Jürgen Elsässer spricht in einer Anlehnung an eine Formulierung aus dem Roman „das große Heerlager“ des rechten Autors Jean Raspail, von „dem großen Austausch“. Der in solchen Kreisen äußerst beliebte „Zinskritiker“ Andreas Popp und seine neue Lebensgefährtin, die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Herrmann sprechen u.A. in Beiträgen des Kopp-Verlages von einer „Flüchtlingswaffe“. Und mit demselben Hintergedanken im Kopf skandiert der deutsche Pöbel „Volksverräter, Volkverräter“ vor Flüchtlingsunterkünften und fordert Neuwahlen gegen die vom Compact Magazin als „Königin der Schlepper“ denunzierte Angela Merkel. Der Ursprung dieses Irrsinns wird verständlicher, wenn man zunächst die materielle Wirklichkeit, den konkreten Stoffwechsel mit der Natur, das gesellschaftliche Setting anschaut, aus dem er stammt und danach die getätigte Definition, der in diesen Verhältnissen quasi notwendigen, unzulässigen teleologischen Unterstellung auf die konkreten Umstände anwendet.
Soziologische Untersuchungen haben ergeben, dass die Träger der Pegida-Bewegung deutsche Facharbeiter und Facharbeiterinnen sind. In Dresden und Leipzig gehen in der Mehrheit keine deklassierten Nazischläger mit Alkoholproblemen auf die Strasse, die nichts mehr zu verlieren haben, sondern Krankenschwestern, Metallbauer und Studierte, also Leute, die noch etwas zu verlieren haben. Im Arbeitsalltag vieler dieser Menschen sind die Flüchtlinge längst angekommen. Als Schwarzarbeiter auf dem Bau z.B. Wer noch nicht mit mehr oder weniger illegal beschäftigten Osteuropäern oder Menschen vom afrikanischen Kontinent zusammengearbeitet hat, kennt jemanden, der diese Leute schon im Arbeitsalltag erlebt hat (Erläuterung in freier Rede: Flüchtlinge auf dem EZB-Bau, Schwarzarbeiter an der Messe). Diese Leute erscheinen nicht nur als Konkurrenz und damit als Gefahr, sondern sie sind reale Konkurrenz und eine Gefahr für die hiesigen Arbeitskraftbehälter, das eigene Leben in Zukunft nicht mehr so reproduzieren zu können, wie bisher. Die implizite und immer wieder geäußerte Annahme, dass Menschen, die vor Hungertod oder Krieg durch die Wüste, über Stacheldrahtzäune hinweg und über das Mittelmeer geflohen sind, hierzulande äußerst fleißig sein werden, keine große Neigung verspüren, zu streiken und am Ende noch der verhassten Kanzlerin dankbar sind, ist eine zulässige teleologische Unterstellung und entspricht höchstwahrscheinlich in vielen Fällen der Wirklichkeit (Erläuterung in freier Rede: Flüchtlinge und Lohnarbeit). Der deutsche Facharbeiter würde es auch so machen und er nimmt das vernünftigerweise auch von Anderen an. Wenn dann der SPD Vorsitzende Gabriel am 26.09. auf einer Pressekonferenz davon spricht, dass man den Flüchtlingen so schnell wie möglich Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt verschaffen müsse und Arbeitgebervertreter in einem Jargon, der sich nach linkem Flüchtlingsunterstützertum anhört, kundtun, dass „die Flüchtlingen nicht viele Monate vom Arbeitsmarkt ferngehalten werden“ könnten, weil „die Flüchtlinge so gerne arbeiten – die Unternehmen brauchen Flüchtlinge“, dann liegt der verschwörungstheoretische Zirkelschluss unzulässiger teleologischer Unterstellungen schon sehr nahe. Weil man ansonsten offene Fragen ertragen müsste, wo offen bleibende Fragen nicht dem Alltagsverstand entsprechen, verfährt man nach dem Frage und Antwort-Prinzip des Cui bono? („wem zum Vorteil?“). „Die da Oben haben das so gewollt. Die da Oben haben das geplant. Die da Oben wollen mich durch einen Flüchtling ersetzen, weil der besser arbeitet, weniger Lohn verlangt und sein Maul hält und dankbar ist“. Wo für Vernünftige kein ideeller Gesamtplan als Ursache für das drohende Unglück erkennbar ist, sondern nur das personifizierte Einzelinteresse des Kapitals, das anhand der Flüchtlinge eine wohlfeile Chance erkennt und benennt, sieht der Unvernünftige die Verschwörung. Wenn ein politischer Funktionär wie Sigmar Gabriel von der Situation überrumpelt ist und schwätzt, was ein sozialdemokratischer Opportunist eben so schwätzt wenn der Tag lang ist, sieht der an den sich dramatisch veränderten Verhältnissen irrsinnig gewordene Antisemit einen Agenten der Federal Reserve Bank, der quasi aus Versehen einen Teil des Plans ausplappert, der hinter dem ganzen Flüchtlingselend steckt.

Ein Tipp zum Umgang mit den Anhängerinnen und Anhängern von Verschwörungstheorien:

Verschwörungstheorien sind nicht nur unzulässige Welterklärungen, sondern Anleitungen zum Verändern der Welt – was keineswegs heißen muss: Zur Verbesserung der Welt. Durchaus auch zum Schlechteren. Verschwörungstheorien sind wesentlich praktischen Charakters und nur in den seltensten Fällen eine passive, relativ harmlose Gedankenspielerei. Das ist gut zu erkennen an den brennenden Flüchtlingsheimen und den auf Pegidademos obligatorischen Forderungen, Bänker und Politiker in den Knast zu bringen, aufzuhängen oder anderweitig der Willkür des Mobs auszuliefern. Man sollte sich also nicht von einzelnen Israelfahnen auf den Demos beirren lassen. Diese Leute sind von der Pieke an antisemitisch eingestellt, auch wenn ihr vermeintlicher aktueller Hauptgegner die in der Mehrheit muslimischen Flüchtlinge darstellen.
Was ist also in einer solchen Bedrohungslage zu tun? Mit der vorerst erfolgreichen kritischen Intervention in die Bewegung der Montagsmahnwachen und dem Aufzeigen der verwendeten antisemitischen Bilder, ist ein guter Anfang gemacht. Leider ist aber davon auszugehen, dass sich die Anhänger von Pegida nicht so leicht durch die bloße Wiedergabe und praktische Anwendung der kritischen Reflektionen bezüglich des Antisemitismus verunsichern lassen, die die Antideutschen in letzten 20 Jahren der linksradikalen Szene aufgenötigt haben. Erstens ist die Bedrohung, auf die mit verschwörungstheoretischen Denkmustern reagiert wird, eine Andere. Die Montagsmahnwachen entzündeten sich an einem fernen Krieg in der Ukraine. Bei den aktuellen Antiflüchtlingsprotesten geht es – häufig nur vermeintlich –, um den Arsch eines jeden Einzelnen. Die vielfach berechtigte Angst, auf die mit unzulässigen teleologischen Setzungen reagiert wird, ist also größer. Zweitens ist die Bilderproduktion von Pegida und Co eine Andere. Anhand der bei Pegida üblichen Zerrbilder einer islamischen Bedrohung, die u.A. im Namen der hierzulande herrschenden demokratischen Freiheiten verwendet werden, ist eine Analogie zum Denken und der entsprechenden Bilderproduktion der Nazis nur schwer zu ziehen. Vielleicht macht es Sinn, diesen Leuten – neben der inzwischen in weiten Teilen der linksradikalen Szene üblichen, berechtigten Denunziation des Antisemitismus – vor Allem den sisyphosartigen Charakter ihrer vermeintlich antiverschwörerischen Tätigkeit aufzuzeigen. Denn wo reale Verschwörungen zum konstitutiven Betriebsklima einer kapitalistisch verfassten Weltgesellschaft gehören, deren inneren, unmittelbar undurchschaubaren Bewegungsgesetze nicht teleologischen Charakters sind, macht man sich zum armen Tropf und Hanswurst, wenn man den hilflosen Versuch unternimmt, den unterschiedlichen, vermeintlichen Verursachern dieses oder jenes gesellschaftlich bedingten Unglücks auf die Schliche zu kommen. Wo das Gegenüber in einem Gespräch zu so einer relativ tief greifenden Reflektion nicht mehr der Lage ist, hilft nur das übliche antifaschistische Hauruck auf der Strasse.

Die Zeiten werden rauer. Also tun sie dies und noch viel mehr bis zum Communismus, der die Menschen durch eine geplante und kollektiv beschlossene Produktion aller Gebrauchswerte in eine Gesellschaft katapultieren wird, die nicht mehr durch undurchschaubare ökonomische Prozesse bestimmt wird, sondern durch bewusste Planung der beteiligten Individuen und deswegen das erste mal in der Menschheitsgeschichte wirklich teleologischen Charakters ist und als solche von ihren einzelnen Mitgliedern auch erkannt werden kann.

Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit und hoffe auf eine ergiebige Diskussion.

Hier nochmal der Reader

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One comment

  1. Mal ’ne Kritik an den „unmittelbar undurchschaubaren Bewegungsgesetze“n im „teleologischen“ Durcheinander.
    Wie unmittelbar oder auch nicht, egal, man kann ohne Mühe eine ganze Menge Spielregeln des kapitalistischen Alltags durchschauen. Die Rechnungen des Kapitals kennt man. Und nur mit wenigen zielgerichteten Gedanken findet man zum Ausschluss dieser oder jener abstrusen Erklärung. Es ist schon eine aktive gedankliche Leistung, sich auf die Suche nach Schuldigen zu machen, die natürlich im Verborgenen leicht „fündig“ wird. Ein bloßer Reflex aus Unkenntnis des „Undurchschaubaren“ ist das nicht. Das ist vor allem ein Affirmationsakt zur bestehenden Herrschaft, nicht zu deren aktuellem Personal, aber zu deren Einrichtung, die man sich als für einen selbst gemacht vorstellt und einklagt.
    Es sind ja gar keine so genannten „Bewegungsgesetze“, die man verstehen muss, sondern schlicht, das was als Staat einem gegenüber steht. Er ist der Betreiber des ganzen Spiels. Die Spielregeln dieser gewaltsam eingerichteten Ordnung als Kalkül der Akteure wieder zu erkennen ist dann nicht mehr der Hit.
    Hat man das kapiert, klappt auch der Telos zum bloßen Zweck zusammen. Den kann man leicht aus der Nötigung des Eigentums ableiten und aus der Stellung dazu. Dann erkennt man die Zwecke aber auch in dem angeblich undurchschaubaren Gewusel einzelner Vorhaben, die eben nicht teleologisch sind, sondern z.B. nutzen, was einem grad noch zu tun übrig bleibt.
    Dann kann man auch die möglichen Kalkulationen des Staates einschätzen, die er aus sich schöpft und nicht aus Kungelei, Korruption und Lobby. Der Staat ist nämlich sehr wohl mit Zwecken unterwegs, nur nicht mit denen, die ihm von den Staatsgläubigen unterstellt werden.
    Das Festhalten am Phantasma von „meinem“ Staat, oder gar „meiner“ Nation, dem vermeintlichen Gemeinwesen, als dessen Auftraggeber sich die Untertanen träumen, führt zur Suche nach fremden Zwecken.
    Gegen die Illusion von Staat und Nation aufklärend vorzugehen, wäre also die Aufgabe.



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