h1

Ein feuchter Traum

Juni 30, 2015

Ich wohne in einem fünfstöckigen Haus. Früher müssen hier einmal wohlhabende Menschen gewohnt haben. Jetzt bewohne ich das Gebäude alleine. Über Wendeltreppen und Geheimtüren sind die Räume und Stockwerke miteinander verbunden. Es gibt ein royal eingerichtetes Ankleidezimmer, angefüllt mit Puderdosen und Ähnlichem. Ein großes Gesellschaftszimmer mit einem Kamin und eine Etage, die vor intarsienverzierten Möbeln überquillt. Wegen der vielen dunklen Winkel und Kammern, Erkern, Durchgangszimmern und langen Fluren, ist dieser Ort selbst für mich einer, an dem es jederzeit etwas Neues zu entdecken gibt. Das Haus befindet sich in einem Zustand des fortgeschrittenen Verfalls und deswegen spielt sich mein Leben ausschließlich in der obersten Etage ab. Dort befindet sich die Küche, dort schlafe ich, blicke durch die schmutzigen Fenster hinunter auf die Marburger Altstadt und führe meinen Haushalt. Es war Samstag und ich hatte mich wegen den Nachwirkungen eines Exzesses vom Vortag schon früh zu Bett gelegt. Ich vergrub mich im schweren Bettzeug, döste vor mich hin und bemerke irgendwann dass ich nicht alleine war. Ich blinzelte und im Lichtschein der Straßenlaterne, der durch den Spalt zwischen den Vorhängen fiel, sah ich ein junges Mädchen mit einer Bierflasche vor meinem Bett stehen. Nach einem Sekundenbruchteil des Schrecks, schnellte ich aus dem Bett und zog mir meine Hose an. Während sie mir scheinbar unbeeindruckt dabei zuschaute, nahm sie einen Schluck aus der Flasche. Erst dann herrschte ich sie an. „Wer bist du… was machst du hier und wie bist du in mein Haus gekommen?“. Sie zeigte mit dem Finger hinter sich und antwortete ungerührt „durch das Loch in der Wand“. „Na wunderbar“ dachte ich mir. Das musste einmal geschehen. Das ganze Haus verrottet und die Löcher in den Wänden wollte ich schon immer reparieren. So wie das Haus aussieht, ahnte sie wahrscheinlich noch nicht einmal dass in dem Haus jemand wohnt, als sie in meine Privatsphäre eindrang. Nachdem ich mich komplett angezogen hatte, zerrte ich sie am Arm durch das Treppenhaus, hinunter auf die Strasse. Dort angekommen befragte ich sie nach der Bierflasche. Ich wollte wissen woher sie kam, was das Ganze sollte und was sie noch vorhätte um diese späte Stunde. Sie kam mir für das was sie tat – vor allem Bier trinken – noch viel zu jung vor. Anstatt mir auf meine Fragen vernünftig zu antworten, teilte sie mir mit dass sie auf eine Party gehen wolle und dass ich gerne mitkommen könne. Erst jetzt bemerkte ich ihre Attraktivität. Zwischen den mittleren Schneidezähnen hatte sie eine große Zahnlücke und unter den grünen Augen viele Sommersprossen. Ihre braunen Haare wehten im lauen Sommernachtswind über ihre Schulter und ich fand keinen plausiblen Grund, warum ich ihr nicht einfach folgen sollte. Ich hatte an dem Abend sowieso nichts mehr vor und müde war ich auch nicht. Sie lief einfach los und beachtete mich nicht weiter. Ich hinterher. Über eine Mauer, durch eine schmale Gasse, durch die Oberstadt, in eine Strasse, an deren Eingang ich Musik vernehmen konnte. Das müsste die Party sein von der sie sprach, dachte ich mir. Bevor wir uns dem Haus nähern konnten aus dem die Musik kam, stellten sich uns zwei Personen in den Weg und sprachen sie mit Namen an. Ich musste nicht lang grübeln wer das war. Ihre Eltern. Die waren sichtlich besorgt und schlecht gelaunt. Die Mutter schrie, der Vater war einem Nervenzusammenbruch nahe. Beide schwitzten. Offensichtlich hatten sie auf der Suche nach ihrer Tochter schon einige Kilometer im Laufschritt zurückgelegt. Ich, als schwarzer Mann in den Dreißigern, fühlte mich schlagartig unwohl. Das viele Melanin in meiner Haut… ich gab bestimmt kein Vertrauen erweckendes Bild ab, während ich dem minderjährigen, weißen Mädchen durch die Nacht hinterherlief. Was mochten die Beiden wohl über meine Absichten denken? Das Mädchen reagierte genauso wortlos und souverän wie zuvor in meinem Schlafgemach. Sie rannte einfach los und ich hinterher. Ich machte mir Sorgen und fühlte Verantwortung und war zugleich beunruhigend neugierig auf das was noch geschehen würde. Es ging wieder über Mauern, durch Gassen, Gärten und Hinterhöfe. Ich schwitzte, war irgendwann sehr erschöpft und dann waren wir am Meer angekommen. Ich setzte mich mit ihr in einen Strandkorb. Sie gab mir ein Bier und ich wunderte mich kurz woher sie das wohl haben mochte. Das Meer berauschte mich. Ich blickte auf die Wellen und fühlte mich wie im Nirgendwo. Nachdem wir wortlos Bier getrunken haben, stand sie auf und baute sich vor mir auf. Sie stemmte die Beine in den Sand, streckte ihren Brustansatz hervor und sagte mit Ernst in der Stimme „Ich habe noch nie Sex gehabt, ich will jetzt ficken!“. Während ich ausschließlich über das Bild das ich in dieser Situation abgab nachdachte, versuchte ich meine Stimme so tief und erwachsen klingen zu lassen wie möglich. Ich sprach ganz automatisch, ohne nachzudenken. Ich sprach über unser beider Alter, über die soziale Ächtung der Situation und darüber, dass ich es für sinnvoller hielte für ihre Entwicklung, wenn sie ihre Sexualität mit Gleichaltrigen entdecken würde, anstatt mit mir. Ihre Einwand, sie hätte speziell mich ausgesucht, ließ ich nicht gelten. Wie aus dem Nichts waren ihre Eltern erneut zur Stelle. Sie trugen Northface-Jacken, denn am Meer ist es meist windig und kühl. Ich übergab die Tochter und war von altem Stolz erfüllt. Ich bin ein guter Neger.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: