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Oskar Gröning hat Schuld auf sich geladen

April 22, 2015

In Lüneburg wird aktuell der Fall des 93 jährigen, ehemaligen SS-Mannes Oskar Gröning behandelt. Im wird vorgeworfen als „Buchhalter von Auschwitz“ an der industriell organisierten Beraubung, Ausbeutung und anschließenden Ermordung von 300.000 Menschen – vorallem Jüdinnen und Juden – beteiligt gewesen zu sein. Als „Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen“ bezeichnet man das was er getan hat in der Sprache der Juristen. Am ersten Prozesstag gab er laut Tagespiegel vom 21.04.2015 eine „moralische Mitschuld“ zu. „Die moralische Mitschuld bekenne ich auch hier, mit Reue und Demut vor den Opfern“, sagte er in Anwesenheit einiger angereister Überlebender. Die Bewertung dieser „Reue“ fällt unterschiedlich aus. Vor seiner Aussage sagte die Überlebende Ewa Fahidi: „Was kann er mir sagen? Kann er mir meine 49 Familienmitglieder zurückgeben? Was soll er mir sagen, was soll ich von ihm hören? Ich bin sehr gespannt darauf was er mir sagen wird? Wird er sagen dass er nichts getan hat?“ Die Überlebende Eva Kor, die dem ersten Prozesstag beiwohnte sagte zu seiner Aussage: „Ich habe vielleicht mehr von ihm erwartet, aber ich denke er ist sehr alt und ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen, zeigt mir dass er sein Bestes gibt“. Ein anderer Überlebender, Max Stein nach den ersten beiden Prozesstagen: „Ich hatte gehofft er wäre manns genug zu sagen ‚schaut, das habe ich getan’ und sich nicht einfach zwischen irgendwelchen Ausflüchten versteckt“.

Auf die Frage wie eine angemessene „Reue“ nach einem solchen Verbrechen auszusehen hat, kann es selbstverständlich keine zufrieden stellende Antwort geben. Spontan mag man denken dieser Mensch hätte sich einfach selber umbringen sollen, oder sich den israelischen Behörden stellen sollen, sobald ihm gewahr wurde was er getan hat. In den meisten Fällen in denen Täter, Opfern vielfach Unbeschreibliches angetan haben, sind sie, die Täter ein Leben lang zu feige um über ihre Beweggründe zu sprechen, die sie dazu brachten zu tun was sie taten. Insofern sie keine pathologischen Sadisten sind die sich an dem was sie taten erfreuten und erfreuen, ist ihre Tat der Grundstein für eine lebenslange Lüge. Die Traumata der Opfer werden damit häufig noch vergrößert. Die Täter halten mittels ihres Schweigens einen Teil der Deutungshoheit über das was sie getan haben und perpetuieren so die Misshandlung der Misshandelten.

Oskar Gröning hat sich schon vor 10 Jahren zu seiner Beteiligung an der Shoa geäußert. In einer spektakulär aufbereiteten, wegen der Ausführlichkeit aber trotzdem sehenswerten BBC-Serie über Auschwitz sprach er über seine Zeit in dem Vernichtungslager. Wenn er jetzt, 10 Jahre später vor Gericht noch immer nicht die ganze Wahrheit sagt, hat er damals in um Relativierung bemühten Worten (vllt. ungewollt) einen Teil der seelischen Wahrheit ausgesprochen, die dieser schon viele Jahrzehnte andauernden Lüge zugrunde liegt: „ …es sind so viele Leute umgekommen, nicht nur Juden, es ist im Krieg so viel passiert, es sind so viele erschossen, es sind so viele übergemangelt (?) es sind welche verbrannt, es sind so viele Leute verbrannt, wenn ich daran denken würde, würde ich keine Minute länger mehr leben wollen…“.

Es folgt eine Transkription dessen was Oskar Gröning in der 10 Jahre alten Reportage über seine Zeit in Auschwitz berichtete. Das gesamte Interview – von dem in der sechsteiligen Reportage selbstverständlich nur Ausschnitte gezeigt werden – war im Internet nicht aufzutreiben. Es wird sich wahrscheinlich noch in den Archiven der BBC befinden. Die Aussagen Grönings sind nach den Teilen der Reportage geordnet, an denen er mitgewirkt hat.

Teil 1. Die ersten Opfer

Oskar Gröning spricht über die offizielle Begründung für den Massenmord in Auschwitz, an die er damals selber geglaubt hat: „… die Frage muss das sein ist ja… dadurch beantwortet dass man sagte ‚ja das sind unsere Feinde und hier findet ein Krieg statt’…“

Teil 3. Fabriken des Todes

Er berichtet über seine Erlebnisse bei der Entladung der Juden aus Frankreich: „… es hat nicht lange gedauert als ich dazu eingeteilt war bei einem ankommenden Transport die Aufsicht zu haben über die Koffer etc. etc. Als es vorbei war, wie bei einem Jahrmarkt, liegt viel Unrat rum. Zum dem Unrat, in dem Unrat selber saßen denn Kranke, nicht mehr Gefähige und die Art und Weise wie man diese Menschen behandelte, dass ist das gewesen was mich in Aufruhr gebracht hat, denn es sind da Dinge passiert, dass ein Kind das da lag an den Beinen gefasst wurde und mit einem Wuppdich auf den LKW geschmissen der es dann weggefahren hat. Und wenn es… wenn es geschrieen hat wie ein krankes Huhn eben einmal an die Kante des LKWs geschlagen hat damit es ruhig war…“ „… Und wir waren der festen Überzeugung und das war unsere Weltanschauung, wir Deutschen sind im Grunde genommen betrogen rings von der Welt und das ist eine große Verschwörung des Judentums… „ Er beantwortet die Frage nach den Kindern und ihrer unmöglichen Beteiligung an der „jüdischen Weltverschwörung“ die, die Nazis sich einbildeten: „… die Kinder, sind im Moment noch nicht der Feind. Der Feind ist das Blut in ihnen. Der Feind ist das Nachwachsen zu einem Juden der gefährlich werden kann. Deswegen sind die Kinder mit beinhaltet… „.

Er spricht über das Geld das den Juden geraubt wurde und das er verwaltete: „… ich hab in meiner Tätigkeit als Verwalter dieser Devisengelder praktisch alle Devisen, oder alle Gelder der Welt bei mir gehabt. Man mag es glauben oder nicht es ging vom Dollar übers englische Pfund, bis zur italienischen Lire und den spanischen Peseten, bis ungarische und mexikanische Währung…“. Er berichtet wie er sich selber an den geraubten Geldern bereicherte und bei einer Razzia ungeschoren davonkam: „… ich war gerade auf einer Dienstreise in Berlin. Ich lieferte da englische Pfund und amerikanische Dollar ab. In der Zeit wurde in den Unterkünften der Mannschaften und Unteroffiziere Razzia gemacht und als ich wiederkam war mein Spint versiegelt… dann bin ich zur Gestapo gegangen und habe gesagt ‚entschuldigt mal was macht ihr für einen Blödsinn? Ich will an meinen Spint und komme da nicht dran’. ‚Ach entschuldigen sie bitte, ja denn man zu’. ‚Ich komme gerade von einer Reise und muss das nun haben’. ‚Ja wir müssen das kontrollieren’. Dann sind die gekommen haben die drei Siegel abgemacht, den Spint aufgemacht, nichts gefunden, mir auf die Schulter geschlagen und haben gesagt ‚ist ok, mach man’… „Absolut nicht. Jeder ist sich selbst der Nächste und es sind so viele Leute umgekommen, nicht nur Juden, es ist im Krieg so viel passiert, es sind so viele erschossen, es sind so viele übergemangelt (?) es sind welche verbrannt, es sind so viele Leute verbrannt, wenn ich daran denken würde, würde ich keine Minute länger mehr leben wollen…“.

Teil 4. Verbrechen und Korruption

Oskar Gröning spricht über das alltägliche Leben eines SS-Mannes in Auschwitz: „… die besondere Situation in Auschwitz hat zu Freundschaften geführt, von denen ich heute noch sage ich blicke mit Freuden zurück…“ „… Wenn Vieles auf einem Haufen steht, kein Mensch merkt wenn man was beiseite schafft um zu versuchen sich selber daran zu bereichern, irgendwelche Dinge herauszuziehen, was ja gang und gäbe war… “ „ …man eben gesagt lieber Freund, ich brauche eine Pistole mit Munition. Ja, was willst du denn ausgeben? Ich weiß nicht was das kostet. Ja du als Dollarkönig kannst ja in Dollar bezahlen. Also ich würde sagen 30 Dollar wird dich das kosten. Der ist dann gekommen, hat mir die Pistole gebracht und hat die 30 Dollar gekriegt…“ „… Auschwitz das Stammlager war eine kleine Stadt. Es war eine kleine Stadt mit seinem Klatsch und Tratsch. Es war eine Stadt die einen Gemüseladen hat wo man Knochen kaufen konnte mit dem man sich noch eine Brühe fertigen konnte. Es gab eine Kantine, es gab ein Kino, es gab ein Theater mit regelmäßigen Vorführungen. Es gab einen Sportverein, in dem ich auch war. Es war Jubel, Trubel, Heiterkeit. Wie eine Kleinstadt. Da hat der Alkohol eine große Rolle gespielt, denn wir kriegten ein gewisses Skonto (?) jeden Tag, das war gar nicht mehr abholten und manchmal abholten wenn wir ein großes Saufgelage machten… „. „… in ganz Auschwitz ging im Grunde genommen der militärische Dienst leger zu. Auch so disziplinlos, dass wir uns besoffen ins Bett gelegt haben und wir hatten weil es Partisanengebiet war, es war ja kein Wachposten mehr da in Birkenau, hatten wir am Bett unsere Koppel mit der Pistole hängen und wenn jemand zu faul war das Licht auszumachen wurde es ausgeschossen. Hat auch kein Spieß was gesagt wenn da Löcher oben drin waren… „.

Teil 6. Befreiung und Vergeltung

Der ehemalige SS-Mann in Auschwitz spricht über die Zeit nach dem Krieg und seinen Umgang mit der persönlichen Schuld: „…Ich war ein Rädchen in dem großen Getriebe und ganz bestimmt nach dem Kriege, hatte jeder der in Auschwitz wart, gleichgültig wo er gesessen hat, in der Schreibstube oder als Wachposten, oder als Mann der das Zyklon B in die Luken geworfen hat, hat das Gefühl gehabt es nicht unbedingt jedem auf die Nase zu binden…“ „… Ich wusste natürlich dass meine Zugehörigkeit zu dem Konzentrationslager Auschwitz negative Gefühle lockte (stottert und spricht undeutlich) und ich habe versucht die Verhörenden nicht unbedingt darauf zu stoßen dass ich dort kaserniert war. Sicherlich wussten wir dass die Dinge die dort abgelaufen waren nicht unbedingt mit den Menschenrechten in Einklang standen…“.

Er berichtet von der Kriegsgefangenschaft in England: „… wenn sie das auf England selber beziehen und auf die Gefangenschaft in der wir ja sehr schnell keine Pow (prisoner of war) mehr waren sondern german workers, war der Zaun von unserem Lager weg und es bildeten sich in den Lagern Theatergruppen und wir haben gearbeitet und haben ausreichend Essen gekriegt, sogar gutes Essen bekommen, haben uns bei den Bauern noch etwas dazuverdient, haben Zigaretten bekommen und haben ein relativ gutes bürgerliches Leben geführt…“. „… Ich bin eineinhalb Monate mit dem Chor durch Mittelengland und Schottland gereist und die Gastfreundschaft vor allem in den christlichen Gemeinden, die ging soweit dass wir, wir mussten ja an sich ja in den Lagern schlafen, dazu sind wir oft nicht gekommen, weil die uns einfach in Privatquartiere übernommen haben. Jeder wollte so einen Sänger haben und dann haben wir da gut geschlafen und dann haben wir da gut gefrühstückt und wurden am nächsten Morgen zum Sammelpunkt gebracht und dann sind wir in den nächsten Ort gefahren. Das war hervorragend…“.

Er spricht über den Umgang mit Auschwitz und seine persönliche Schuld „… ich kann mich an eine Szene erinnern, als ich bei meinem Vater und seinen Schwiegereltern und der Großmutter zusammen war, die irgendwie an der Essenstafel dumme Bemerkungen über Auschwitz machte und durchblicken ließ ‚du bist ja eigentlich nur ein verhinderter oder ein tatsächlicher Mörder der bei uns mit am Tisch sitzen darf und du bist hier eigentlich nur geduldet’… da bin ich explodiert und habe mit der Faust auf den Tisch gehauen und habe gesagt ‚bitte, nehmt eins zur Kenntnis, dieses Wort und diese Beziehung werden hier in meiner Gegenwart nie wieder erwähnt, sonst ziehe ich aus oder mache sonst irgendwas’…“. „… nein, das glaube ich nicht denn sie unterstellen in ihrer Frage, dass alleine die Zugehörigkeit zu einem großen Kreis von Leuten die in einer Garnison gelebt haben, in der die Judenvernichtung stattgefunden hat, dass alle diejenigen die da waren den Nimbus eines Verbrechers haben…“ „… Ich wurde vom Sozialministerium in Hannover, niedersächsischen Sozialministerium als ehrenamtlicher Richter ernannt und habe 12 Jahre als ehrenamtlicher Richter nebenher Richtertätigkeit im Arbeitsgericht Nienburg (?) gehabt…“. „… Das ist immer so auf der Welt. Wenn man mal ausschließt dass ich die Verpflichtung gehabt hätte wie im Tannhäuser ein Büßergewand anzuziehen und Zeit meines Lebens mich von Wurzeln und von milden Gaben zu ernähren, dass man ausschließt dass das die Konsequenzen gewesen wäre, weil ich zu dem Verein gehört habe, dann gibt es noch etwas Anderes, dass jeder Mensch die Freiheit hat aus der Situation in der er sich befindet das Beste zu machen…“.

Oskar Grönings Begründung für seine Teilnahme an der Reportage: „… ich fand es als meine Aufgabe, jetzt in meinem Alter zu den Dingen zu stehen die ich erlebt habe und dem zu widersprechen, wenn es Leugner gibt die behaupten dass es hätte Auschwitz nicht gegeben. Und dazu stehe ich und deswegen sitze ich auch heute hier, weil ich den Leugnern sagen will ‚ich habe die Krematorien gesehen, ich habe die offenen Feuerstellen gesehen, ich möchte gerne dass du mir glaubst dass diese Schrecklichkeiten geschehen sind’. Ich war dabei…“.

(Die gesamte Reportage findet sich online und kostenlos leider nur noch auf youtube, in 8 minütigen Kleinstteilen und schlechter Bildqualität. Man kann sie auch bei amazon, etc. kaufen)

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