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Fury/Herz aus Stahl

Januar 5, 2015

Wenn mich jemand fragen würde welches bisher ungesehene Szenario ich gerne einmal in einem Kinofilm sehen möchte, würde ich das einer Panzerbesatzung und ihres Panzers in Gefechten des zweiten Weltkriegs nennen. Ich hätte dabei an eine russische Besatzung gedacht und mich hätte vor allem der Alltag zwischen den Einsätzen interessiert. Details der Instandsetzung und der Technik, die Handhabung der einzelnen Waffen und der individuelle Umgang mit dem Wechsel zwischen der emotionalen Anspannung des Gefechts und der zermürbenden Langeweile der Etappe. Der Regisseur und Drehbuchautor David Ayer hat jetzt einen solchen Film gedreht, allerdings über eine amerikanische Panzerbesatzung und ihren M4 Sherman. Obwohl der Film alle Storyelemente enthält die ich mir wünschen würde, hat er mir nicht gefallen. Das liegt weniger an dem für diese Rolle viel zu alten Brad Pitt, der den Panzerkommandanten und Haudegen vom Dienst „Wardaddy“ spielte und an den Leistungen seiner Schauspielerkollegen, sondern an der Story, die nur selten plausibel ist und in ihrer historischen Ausstattung mehr als dürftig erscheint.
„Wardaddy“ und seine Panzerfahrerkollegen rollen 1945 durch das zerstörte Deutschland, demütigen geschlagene Nazis, erschießen SS-Männer, nehmen Volkssturmleute gefangen und liefern sich verlustreiche Gefechte mit der auf dem Rückzug befindlichen Wehrmacht und SS. Dabei sind die Protagonisten dreckig, abgestumpft, enthemmt, rücksichtslos und weil betrunken und im Krieg keine Freude für die deutschen „Fräuleins“. Gefällig inszeniert ist das allemal. Leute die sich für Krieg, Kriegsgeschehen und Kriegstechnik interessieren, dürfte dies – ob der vielen technischen Goofs – trotzdem nicht zufriedenstellen. Den gezeigten M4 Sherman-Panzer (nach dem der Film schließlich benannt ist und der in 90% der Szenen zu sehen ist und bei dessen Gestaltung und technischen Darstellung man deswegen auch eine gewisse historische Genauigkeit verlangen darf) hat es nie in der US-Army gegeben. Nicht mit der englischen 17 Pound Kanone, zusammen mit der gezeigten Anzahl an Sitzplätzen, nicht mit der Sekundärbewaffnung, nicht mit der Kommandantenluke, nicht mit dem Bug-Mg und nicht zu der Zeit. Um dies herauszufinden reicht eine viertelstündige Lektüre der entsprechenden Wikipediaartikel. Ähnliche technische Schlampigkeiten auch bei den Handfeuerwaffen. Das man bei der Darstellung von schwerem Kriegsgerät, von Panzern und Kampfflugzeugen heutzutage auf Computeranimationen zurückgreift und sich dabei leicht Fehler einschleichen können ist klar. Völlig unklar ist es, wie man es fertig bringen kann eine MP40 am Filmset zu verwenden, die in ihren Abmessungen und auf den ersten Blick so gar nicht dem Original entspricht. Auf dem amerikanischen Waffenmarkt, wo die MP40 nach dem STG44 und dem Mg42 die beliebteste Replika aus dem zweiten Weltkrieg ist und zigtausendfach nachgebaut wird, dürfte es fast unmöglich sein ein Exemplar in die Hände zu bekommen, das nicht zu 100% dem Original entspricht. Die Requisiteure von „Fury – Herz aus Stahl“ haben dieses Kunststück vollbracht.
Schlampige Requisite ist zu verschmerzen insofern die Geschichte stimmt. Tut sie aber nicht. Weder die historische Recherche, noch die Psychologie der Protagonisten überzeugt. Dass eine Panzercrew mit ein und demselben Panzer drei Jahre lang – von El Allamein in Nordafrika, über die Normandie und Frankreich bis nach Westdeutschland – durch den zweiten Weltkrieg fährt, ist nicht glaubwürdig. Dass der Neuling der den gefallenen Bugschützen ersetzt nichts Besseres im Sinn hat als sich in einer Gefechtspause in eine 16 jährige Deutsche mit blonden Zöpfen („Emma“!) zu verlieben, um sie dann wagemutig gegen die sexuell übergriffigen Panzerfahrerkollegen zu verteidigen wirkt arg bemüht. Ein Angriff mit drei Shermans auf einen Tiger 1, wäre so wie im Film gezeigt reiner Selbstmord, bzw. hätte in einer so geringen Entfernung gar nicht stattgefunden und dieser Goof ist umso ärgerlicher, weil in einigen anderen Szenen auf die Richtigkeit militärtaktischer Details besonders penibel geachtet wurde. Die blödsinnigste Szene, deren hanebüchener Plott den Film endgültig diskreditiert zum Schluss:
„Wardaddy“ wird als Kommandierender über vier Shermans losgeschickt, um eine Kreuzung gegen eine SS-Einheit zu verteidigen. Auf dem Weg gehen drei Panzer verloren und der letzte, „Fury“ bleibt just auf der zu schützenden Kreuzung mit einem Minenschaden liegen. Als dann die SS-Kolonnen mit Panzerfäusten und Schützenpanzern anrücken, entscheiden sich die Männer dafür zu kämpfen. Fünf gegen hunderte SS Männer. Warum? Weil der Panzer ihr Zuhause ist und „Wardaddy“/Brad Pitt ihn nicht aufgeben will und sich die Anderen ihm in pathetischer Selbstverlorenheit anschließen! Der Film der als desillusionierter, moderner Antikriegsfilm begann, endet als hochgradig unsinniger Actionfilm. Die fünf Männer töten in heroischem Endkampf und aus ihrem beschädigten Panzer heraus, mit Handgranaten und Maschinenpistolen hunderte von offensichtlich völlig hilflosen SS-Männern. Überleben tut nur Einer: Der Neuling.
Warum der Film so gute Kritiken bekam ist mir nicht ersichtlich.

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