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Die Überforderten und ihr Marktschreier

Dezember 22, 2014

Jeder Mensch der schon einmal in einem größeren Betrieb versucht hat die Karriereleiter zu erklimmen, weiß dass dieser Weg nur mit Hilfe von Seilschaften zu meistern ist. Jeder der in einer Partei, oder in einem Verein Mitglied einer solchen Seilschaft war, weiß dass auch hier Posten und Pfründe für den Einzelnen nur dann zu erlangen sind, wenn es ihm gelingt kollektiv zu handeln, zu intrigieren, zu hintertreiben und die Konkurrentin oder den Konkurrenten mit wahren oder unwahren Anschuldigungen für das Publikum als unwählbar erscheinen zu lassen. Jeder weiß dass es nur so funktioniert und jeder hat Erfahrung mit diesem widrigen Miteinander und jeder wurde von Kindesbeinen an in diesem Verhalten geschult. Sei es in der Raucherecke der Gesamtschule, oder auf der Plenarsitzung des Allgemeinen StudentInnenausschusses. Jeder war schon Teil einer Clique, einer Peergroup, einer Seilschaft und hat aus purem Eigennutz bei einer Intrige mitgetan, z.B. wenn es darum ging eine unbeliebte Kollegin beim Chef wegen Bummelei zu verpetzen, um an ihren Parkplatz direkt vor dem Firmentor heranzukommen.
Es gibt Leute, die trotz der traurigen Selbstverständlichkeit dieses zwischenmenschlichen Vorgangs erst dann einen dringend aufzudeckenden Skandal wittern, wenn sich „Die da Oben“ genauso verhalten wie jeder Ottonormalkonsument, sobald sich die Gelegenheit bietet. Die kapitalistische Weltgesellschaft ist aber eine des allgegenwärtigen Jeder-gegen-Jedens, der Konkurrenz um jeden Preis und selbstverständlich auch der Verschwörung. Deswegen ist es auch kein Skandal im eigentlichen Sinne, sondern der deprimierende Normalvollzug, wenn Staatsregierungen und ihre Geheimdienste, Wirtschaftsbosse und Lobbyisten das gleiche dreckige Spielchen spielen, wie die empörten 99 Prozent in ihrem Alltag. Wer das noch nicht mitbekommen hat, nur dann ein Geschrei macht wenn vermeintliche oder wirkliche Hinterzimmergeschäfte auf die eigenen Kosten ins Werk gesetzt werden, gleichzeitig nicht danach trachtet die materiellen Bedingungen zu verändern die die Menschen entsprechend formen und stattdessen lieber nach einem Watschenmann sucht der exemplarisch abgestraft werden kann, ist mindestens ein voluntaristischer Idiot mit einem Hang zum Selbstbetrug. Ein noch größerer Idiot mit noch größeren seelischen Problemen ist Derjenige der sich zu den vernünftig beweisbaren Verschwörungen noch ein paar eigene zusammenphantasiert, weil im schwant und er ahnt und es im Internet raunt (0). Offiziell hat sich für diese Gruppe der Sammelbegriff „Verschwörungstheoretiker“ eingebürgert und die sind aktuell im Aufwind. Es scheint nicht nur der anschwellende Neid darüber zu sein, dass es bei den eigenen, meist erfolglosen Alltagsverschwörungen nicht um Entscheidungen von Weltbedeutung geht, sondern nur um einen besseren Parkplatz, oder den Posten eines zweiten Kassenwarts im örtlichen Kegelverein, der sie antreibt. Begriffslose Empörung führt in den Wahn, Missgunst in den Eifer und die reale Ohnmachtserfahrung in einer Gesellschaft in der man selbst auf das eigene Schicksal nur sehr wenig Einfluss hat, in den seelischen Wattebausch den Verschwörungstheorien bieten können. Die Verschwörungstheorie wird zur Welterklärungsformel. Die Borniertesten werden auch unter guten Gegenargumenten nicht von ihr lassen und sind schnell bereit einiges zu opfern. Das Phänomen ist nicht neu. Diese armen Tröpfe treiben ihr Unwesen seit sich die kapitalistische Produktionsweise durchgesetzt hat. Namentlich in Deutschland. Die historischen Nationalsozialisten, die glaubten hinter jedem unbegriffenen Übel in der Gesellschaft ständen die Juden, stellen das prominenteste Beispiel dieser bemitleidenswert-naiven und gerade deswegen gefährlichen Weltsicht und auch sie waren bereit einiges zu opfern. Zunächst die Anderen und zuletzt sich selbst.
Ihre krude Welterklärungsformel – deren physischen Beweis sie in Auschwitz mit millionenfachem Massenmord an Juden, dem „Weltfeind des Menschengeschlechts“ (A. Hitler) zu liefern gedachten – hat sich mit 45 Millionen Toten und dank der Sowjets und Amerikaner zumindest hierzulande für die überwiegende Masse des Publikums vorerst diskreditiert. Nazi sein ist nicht mehr chic, Nazi sein bedeutet Probleme kriegen. „Du dreckiges Judenschwein“, so was sagt man nicht mehr in der „Mitte der Gesellschaft“. Mitunter deswegen haben wir es heute nicht mehr mit völlig überforderten und fanatischen Deutschen zu tun die kundtun der Jude sei ihr Unglück, sondern mit völlig überforderten und fanatischen Deutschen, die z.B. behaupten eine bestimmte Bank wäre für alle Kriege der letzten 150 Jahre verantwortlich (1), oder meinen Angela Merkel wäre keine selbstbewusste Machtpolitikern, die Führerin Grossdeutscheuropas, ausgestattet mit allen Softskills einer solchen Charaktermaske, sondern eine bloß willfährige Marionette, ein Werkzeug der USA, bzw. der CIA, bzw. der Wallstreet, also im verschrobenen Weltbild vieler wiederum der Juden (2).
Verschwörungstheorie ist jedoch nicht gleich Verschwörungstheorie. Jemand der davon ausgeht die Menschheit würde von „Reptiloiden“, also von ausserirdischen Eidechsen unterwandert, ist nicht mit einem notorischen Judenhasser oder Nationalsozialisten gleichzusetzen. Wer glaubt die eigenen körperlichen Leiden rühren von Giften her, die von Geheimdiensten mittels Flugzeugabgasen in die Umwelt geblasen werden (sog. „Chemtrails“), ist meist nur ein bemitleidenswerter Mensch, der durch die öffentliche Propagierung seines individuellen Irrglaubens höchstwahrscheinlich keinen weiteren Schaden in den Köpfen des Publikums anzurichten vermag. Gefährlich sind die Politikanten, die „alternativen“ Medienkarrieristinnen und Marktschreier – von denen es inzwischen ziemlich viele gibt – die auf die realen Übel des kapitalistischen Normalvollzugs konkrete Antworten geben; die Ross und Reiter als Schuldige für das kapitalistische Elend zu benennen behaupten. Sie docken mit ihrer Argumentation geschickt an die materielle Wirklichkeit und die entsprechenden Ressentiments an, befördern eine in Deutschland traditionelle Feindschaft gegen die Zivilisation und ihre Zumutungen und fokussieren diese auf konkrete Personengruppen. Sie buchstabieren für die Überforderten ein Irrlicht ins beängstigende Dunkel und sähen nicht nur sinnlosen Hass, der schnell in gewalttätiges Handeln umschlagen kann – egal wie friedliebend sie sich in ihren Reden geben -, sondern verhindern auch das bitter nötige, ernsthafte gesellschaftliche Gespräch über das auf Privateigentum basierende, gesamtgesellschaftliche Produktionsverhältnis unter dessen Widersinnigkeit wir alle leiden. Einer von diesen reaktionären Marktschreiern – und zwar der schrillste, innovativste, umtriebigste und deshalb erfolgreichste – ist Ken Jebsen. Ein wegen geschichtsrevisionistischer Aussagen zur Shoah beim RBB geschasster, ehemaliger Radiomoderator und „Wetten dass“-Pausenclown, der sich auf dem Kriegspfad der „alternativen Medien“ befindet und dabei erschreckend viele Anhängerinnen und Anhänger um sich schart.

Die großen Medien können ihrer Kontrollfunktion als sog. „vierte Gewalt“ nur schlecht nachkommen. Was gesendet und nicht gesendet wird entspricht dem was die Vertreterinnen und Vertreter von Parteien und Kirchen für richtig halten. Dafür sorgt der Medienkontrollrat. Lobbygruppen und Sicherheitsdienste versuchen mit direkter und indirekter Bestechung Einfluss zu nehmen und ihr Erfolg bei diesem Unterfangen, dürfte eher die Regel als die Ausnahme sein. Um dies zu wissen muss man nicht erst den neuen Bestseller des ehemaligen FAZ-Politexperten Udo Ulfkotte („Gekaufte Journalisten“, Platz 6 der Spiegel-Bestsellerliste) lesen, der jüngst im rechtsesoterischen Kopp-Verlag erschienen ist und Verschwörungstheoretikerkreisen stark rezipiert wird. Die Medien sind mitnichten unabhängig und ihre Berichterstattung tendenziös. Erst recht in Zeiten akuter Krise und verschärfter Konkurrenz um Einflusssphären und Absatzmärkte. Nicht nur anhand der Berichterstattung rund um die Ukraine-Krise war dies sehr leicht wahrzunehmen. Es wird weggelassen, verdreht, manipuliert gefälscht und gelogen. Weil jede entstandene Lücke sofort mit motivierten Leuten aus der zweiten Reihe besetzt werden kann, ist es müßig darüber zu spekulieren wer dafür wann und wo Verantwortung zu tragen hat.
Ein erträgliches Maß an Propaganda wurde überschritten und von der entstandenen Diskrepanz zwischen veröffentlichter Meinung und öffentlicher Meinung profitieren Meinungsverstärker und Propagandisten diverser Verschwörungstheorien wie Ken Jebsen. Nicht nur die plumpe Stimmungsmache der bürgerlichen Presse gegen Vladimir Putin in den letzten Monaten verschafft ihm Glaubwürdigkeit.
Auf seinem Webportal „KenFM“ präsentieren er und sein Team eine gekonnte Mischung aus dem was in den öffentlich rechtlichen Medien unter dem Primat der Quote nicht gesendet und gedruckt werden kann (z.B. ein durchaus interessantes, knapp zweistündiges Interview mit Prof. Klaus Beier von der Charité Berlin, dem Leiter des „kein Täter werden“-Projekts für pädophile Männer), mit dem was in den öffentlich rechtlichen Medien aus guten Gründen nicht gesendet und gedruckt wird (offener Hass auf Israel und die „rassistischen Zionisten“, „Zinskritik“, und die pauschale Ablehnung des Westens und der Nato z.B.). Im gelingt dabei ein Spagat zwischen ausgelebter Manie (3), unverhohlenem Hass und Rachsucht gegen die „Systempresse“ mit ihrem „embedded Journalism“ auf der einen Seite und tendenziösem Journalismus in professionellem Gewand auf der anderen. Er spricht von einer ausgewogenen Berichterstattung die nur der Wahrheit verpflichtet sei und gibt in seiner Interview-Rubrik „KenFM im Gespräch“ nur den Inhalten eine Plattform, die seiner eigenen Meinung entsprechen (4). Bei ihm kommt Martin Lejeune zu Wort, der in seiner Funktion als „freier Journalist“ meinte Gregor Gysi für die vermeintlichen Untaten der „zionistisch-rassistischen Besatzer“ haftbar machen zu müssen und ihn – zusammen mit ein paar anderen Freunden Palästinas, die offensichtlich nur schwer an sich halten konnten – unter hysterischem Geschrei auf das Klo des Bundestags verfolgte und damit die „Klo-Affäre“ auslöste (50.tausend Aufrufe am 18.12.2014). Er interviewte mehrfach den „Antizionisten“ Jürgen Elsässer, der Jutta Ditfurth gerichtlich verbieten ließ ihn wegen seiner notorischen Kritik an jüdischen Bänkerfamilien einen „glühenden Antisemiten“, also beim richtigen Namen zu nennen (52.tausend Aufrufe). Er lud Lars Mährholz, den Begründer der „Montagsmahnwachen für den Frieden“ in sein Studio ein, damit der wie geplant gemeingefährlichen Unsinn über die von ihm gefürchtete Allmacht der Federal Reserve Bank absonderte (62.tausend Aufrufe). Er plauderte mit Willy Wimmer, einem ehemaligen parlamentarischen Staatssekretär der Kohl Ära, der seine Rentnerjahre damit verbringt die angeblich mangelnde Souveränität Deutschlands in Büchern und auf Konferenzen zu bejammern (94. tausend Aufrufe). Er bot Evelyn Hecht-Galynski ein Forum, der Tochter eines ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, die meint wegen ihrem familiären Hintergrund Israel besonders ausdauernd und nervtötend als „genozidalen Apartheitsstaat“ denunzieren zu müssen (33.tausend Aufrufe). Ebenso dem schon genannten Udo Ulffkotte, dem „Israelkritiker“ Moshe Zuckermann, dem Attac-Gründungsmitglied Pedram Shahyar, dem Historiker Daniele Ganser, der Bücher über die Machenschaften von Geheimdiensten schreibt, dem in der entsprechenden Szene sehr bekannten Zinskritiker und Buchautor Andreas Popp und vielen mehr.
Noch vernunftferner als in dieser professionell ausgeleuchteten, auf HD gebannten und mit einem geschickten Schnitt versehenen Ansammlung von Obskuranten, geht es unter der Rubrik „Nachdenken über…“ zu. Hier betätigt sich Ken Jebsen als Prediger seiner eigenen Sache. Sein Feindbild ist vor allem die etablierte Presse, der er die Unterdrückung der Wahrheit im Dienste der „Hochfinanz“ oder „Finanzoligarchie“ unterstellt. Er geifert von der vermeintlichen Allmacht Amerikas, faselt vom bevorstehenden Weltkrieg gegen Russland und China im Auftrag der Wallstreet und des englischen Königshauses und verbreitet paranoide Friedensappelle im Flüsterton. Er bietet einen in sich geschlossenen ideologischen Remix aus klassischem Antikolonialismus, deutschem Antiimperialismus und Antiamerikanismus, Esoterik und Verschwörungstheorien. Selbstverständlich ist er ein glühender Feind Israels und der Juden. Aus seinem inzwischen gelöschten Beitrag, „Zionistischer Rassismus“ (5): „2 – 3 % der Amerikaner haben jüdische Wurzeln Zum Vergleich: 25 % haben Deutsche. Im Gegensatz zur deutschen Community stellen die 2 – 3 % der US-Amerikaner mit jüdischen Roots aber 25 – 30 % der reichsten Familien des Landes […] Man muss die Drahtzieher dieser imperialen Politik nicht mit der Lupe suchen – im Gegenteil: Sie treten immer dreister in der Öffentlichkeit auf und präsentieren sich als Verkünder einer neuen Weltordnung, die sie bereit sind für uns durchzuziehen – selbstlos. Es sind allen voran radikale Zionisten mit US-Pass deren Hobby Israel ist und deren Lieblingsport im Schlachten von Arabern besteht.“. Warum er diesen Beitrag gelöscht hat ist nicht ersichtlich, verbreitet er doch in dutzenden Beiträgen inhaltlich Gleichbedeutendes. Aus seinem Beitrag „Google Palestine“: „Zionisten sind radikale, weiße Siedler, die aus der ganzen Welt kamen und kommen, um das Land der Palästinenser zu okkupieren. Landräuber. Diebe […] Das rassistische Israel wird zu einer sehr kurzen Episode in der Geschichte der Region zusammenschmelzen. Frieden und Freiheit sind möglich. Auch wenn Zionisten sich das gar nicht vorstellen können oder wollen, da ihnen sonst etwas fehlt.“ Diesen Dreck weiter zu zitieren ist unnötig. Seine Beiträge enthalten die gehässigsten Vorurteile und Unterstellungen, die perfidesten Lügen und gemeinsten Behauptungen über die Juden und ihren Staat, die aktuell in der deutschen Presse legal zu lesen und zu hören sind! (6).

Dass der Mann der so etwas sagt dies für die Arbeit eines „unabhängigen Journalisten“ hält und meint er wäre ein wichtiger Teil des „Immunsystems einer Demokratie“, ist völlig egal. Um in als gemeingefährlichen Spinner zu entlarven, reicht eine fünfminütige Lektüre seiner Texte. Er steht dabei aber für eine ganze Riege von handwerklich professionell arbeitenden Leuten, die es trotz ihrer völlig unterschiedlichen Spezialgebiete (Esoterik, Enthüllungsjournalismus, Zinskritik, Bedingungsloses Grundeinkommen, um nur einige der behandelten Themen und Ziele zu nennen) immer wieder naturwüchsig zu den altbekannten falschen Grundannahmen und realpolitischen Forderungen treibt. Sie alle eint der Glaube an diverse Verschwörungen und Verschwörerzirkel, die das Schicksal der Menschheit seit Jahrhunderten bestimmen und das Gute in der Welt hintertreiben. Sie schwatzen von der FED, von den Rothschilds und den Illuminaten. Sie sind gegen die USA und die Nato und haben eine Affinität für Wladimir Putin und seine autoritären Krisenlösungen. Sie sind erbitterte Feinde Israels.
Manische mit Judenfimmel gab es immer. Diese wurden aber i.d.R. schon vor dem staatstragenden „Antifa-Sommer“ 2001 von der Mehrheitsgesellschaft regelmäßig in die Schmuddelecke verbannt. Martin Hohmann, Jürgen Möllemann und Eva Herrmann sind drei prominente Exempel hierfür. Mit ihnen gab man sich nicht ab, aus Parteien und Fraktionen wurden sie ausgeschlossen, aus Talkshows flogen sie raus und in der etablierten, also viel gelesenen Presse hätte niemand die gefühlten Wahrheiten solcher Personen abgedruckt. Wenn doch, dann nur ein einziges Mal. Dieses Verhältnis hat sich zugunsten dieser Konsorten verändert. Ein großer Teil des öffentlichen Informationsbedürfnisses, das früher nur die Printmedien und staatlich kontrollierte Sender befriedigen konnten, wird heute vom Internet und seinen kostenlosen Quellen bedient. Dort ist niemand mehr gezwungen etwas zu lesen oder zu sehen, das er nicht lesen oder sehen möchte. Das Internet als potentielles Mittel zur freien Kommunikation und Information, wirkt bei Menschen die es so haben wollen genau entgegengesetzt. Es dient als Meinungsverstärker. Eine stetig anwachsende „alternative“ Medienlandschaft ermöglicht es dem Denkfaulen mittels professionell angefertigten Talksendungen, Informationsformaten und Filmen, auf unerwartet irritierende und potentiell zivilisierende Einwürfe aus Feuilleton und Nachrichtenkommentar gänzlich zu verzichten. Doch nicht nur die rasante Entwicklung der Produktivkräfte – die es inzwischen jedem Laien ermöglichen, mit einer HD-Kamera für zweihundert Euro und einem Laptop der nicht viel mehr kostet, eine eigene Talksendung oder einen Film in professioneller Aufmachung zu produzieren und ins Net zu stellen – haben die praktischen Möglichkeiten zur Propaganda und Bildung einer Massenbasis für Verschwörungstheoretiker verbessert.
Es scheint so zu sein dass die ideologische Front des krisengeplagten deutschen Establishments, das bisher immer stramm an der Seite der USA marschierte, aufweicht. Noch vor wenigen Jahren wäre die medienwirksame Zusammenarbeit mit Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretikern mit einem Tabu belegt. Im Zuge des Schwindens der Allmacht des Westens scheint dieses Tabu zu bröckeln, weil immer mehr Stimmen unter der verunsicherten Elite laut werden und ein stärkeres Bündnis mit Russland und China einfordern und genau dies eine der alle Fraktionen einigenden politischen Kernforderungen der antiwestlichen Verschwörungsszene ist. Die Verfechter einer Ostbindung, als Plan B des deutschen Kapitals, im temporären Bündnis mit den Schmuddelkindern. Der Historiker Peter Scholl-Latour, ehemalige Bundestagsabgeordnete und hochrangige Expolitiker wie Egon Bahr (SPD), Willy Wimmer (CDU) und Andreas von Bülow (SPD) traten erst kürzlich auf der inzwischen fünften Konferenz des rechtslastigen und verschwörungstheoretischen Magazins „Compact“ auf (7). Thema der Konferenz: „Frieden mit Russland, für ein souveränes Europa“. Die Politprominenz auf dem Podium, verleiht der Redaktion eine Seriosität, die sie sich ansonsten schwer hätte erarbeiten müssen. Dass Jürgen Elsässer – der auch gerne die Nazirapperin „DeeEX“ oder den ehemaligen Anführer der „Wehrsportgruppe Hoffmann“, Karlheinz Hoffmann zu ähnlichen Anlässen einlädt – ganz bewusst auf diesen Effekt hinarbeitet, kann man seinem blog entnehmen. Es war in der Vergangenheit so und es ist zu befürchten das sich der Bekanntheitsgrad der Rednerinnen und Redner zukünftiger Konferenzen weiter steigern wird. Die aktuellen Bundestagsmitglieder Wolfgang Gehrke und Dieter Dehm von der Linkspartei gaben Ken Jebsen Interviews und arbeiten ganz offen mit ihm zusammen, z.B. bei der Bewerbung und Organisation des letzten Großevents der Verschwörungsszene, der „Friedensdemonstration“ am 13.12.2014 vor dem Schloss Bellevue. Wenigstens diese Missachtung vernünftiger Tabus sollte auch heute noch einen kleinen Skandal in der Linkspartei wert sein.

Nach allem was man beobachten kann, wird diese Bewegung wachsen. Die aktuellen Verwertungsengpässe des Kapitals und die entsprechende Politik, die die Lebensumstände hierzulande immer prekärer gestaltet und andernorts vermehrt bewaffnete Konflikte provoziert, das sich zuspitzende ökologische Bedrohungsszenario und die allzu offensichtlichen handwerklichen Patzer der auftragsgemäß tendenziös berichtenden Medien, sowie die NSA-Affäre, bieten einen idealen Nährboden. Eine handlungsfähige Massenorganisation mit einem einheitlichen Programm, eine NSDAP 2.0 ist von Ken Jebsen und Seinesgleichen in den nächsten Jahren aber nicht zu erwarten. Dafür sind die politischen Ziele noch zu diffus, großenteils schlicht undurchführbar und die Anhängerschaft in vielen Fällen zu exzentrisch und entsprechend organisationsunfähig. Aber genau wie „PEGIDA“ im Falle geflüchteter Menschen die hier in Deutschland Schutz und Auskommen suchen, könnten diese Leute dazu beitragen, dass das gesellschaftliche Klima für Jüdinnen und Juden unerträglicher wird. An gewalttätige Übergriffe wie sie im vergangenen Sommer während der antisemitischen Proteste stattfanden, wird man sich dann gewöhnen müssen. Wenn führende Politikerinnen und Politiker auf die schlechte Idee kommen sie müssten dem anschwellenden Druck der Strasse nachgeben, könnten sie Einfluss nehmen auf die aktuell herrschende Staatsräson, in allen Themen die Israel und sein Recht auf Verteidigung betreffen. Eines ist sicher: Sie werden vermehrt die Arbeit von vernünftigen Menschen die an der Abschaffung des Kapitalverhältnisses zugunsten einer bedürfnisorientierten Produktion aller Gebrauchswerte festhalten, mit Zinskritik und Bankenprotest und Antisemitismus und Esoterik und Obskurantismus und Borniertheit und massenhaft irrsinnigem Geschwätz gehörig entnerven.
Was als Möglichkeit zur Gegenwehr bleibt, ist wie immer nur die hartnäckige Aufklärung. Jutta Ditfurth hat mit ihrem Beitrag zu den „Montagsmahnwachen“ bei 3Sat einen Anfang gemacht. Auf Facebook recherchiert inzwischen eine handvoll Leute. Sie tragen jeden ideologischen Abfallschnipsel aus dieser Ecke zusammen. Vllt. wird es Zeit auf You Tube einen AntiKenFM-Kanal zu gründen, um den Vertreterinnen und Vertretern von Verschwörungstheorien, auf gleicher Ebene entgegenzutreten. Dort sitzen dann Joachim Bruhn und Dieter Graumann und viele Andere die etwas Vernünftiges zum jeweiligen Thema zu sagen haben im Studio, beantworten die Fragen der Moderatorin und erläutern das Notwendigste, was bisher nirgendwo in diesem größten Medium unserer Zeit in Bild und Ton und einer professionellen Aufmachung erläutert wird.

Anmerkungen:
0. Gerhardt Polt karikiert die Stupidität dieser Sündenbockfunktion (aus einer sozialdemokratischen Perspektive) in einem seiner Stücke. „Die Verantwortungsnehmer“.
1. Lars Mährholz, der Begründer der sog. „Montagsmahnwachen für den Frieden“ in einem Interview mit Russia Today: „Wenn man begreift das die FED das globale System dieses Planeten ist, unter dem wir alle leiden…“. Auf der Montagsmahnwacher für den Frieden am 7. März 2014: „Die Privatbank Federal Reserve ist sozusagen das Krebsgeschwür des Planeten, könnte man sagen… „Woran liegen alle Kriege in der Geschichte in den letzten 100 Jahren? Und was ist die Ursache von allem? Und wenn man das halt alles ’n bisschen auseinander klamüsert und guckt genau hin, dann erkennt man im Endeffekt, dass die amerikanische Federal Reserve, die amerikanische Notenbank – das ist eine Privatbank, dass sie seit über hundert Jahren die Fäden auf diesem Planeten zieht.“
2. Dies suggeriert der Titel des bei diesen Leuten sehr beliebten Compact Magazins aus dem September 2013 und dies behauptet in diversen Interviews u.A. der aktuelle Chefredakteur und ehemalige maoistische Menschheitsbeglücker und antideutsche Vortänzer a.D. Jürgen Elsässer.
3. Einmal lud er den Kabarettisten Serdar Somuncu ein und der hat ihm bald mitgeteilt dass er mit dem Quatsch nicht einverstanden ist. Das passiert dem Ken kein zweites Mal!
4. Während eines einstündigen Interviews mit einem Mitglied der Piratenpartei, schrie er sein Gegenüber dermaßen nieder und gab eine Kostprobe seines Getriebenseins, das man meint auch der Letzte müsste sofort kapieren dass der Mann nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.
5. Immer noch zu finden unter: http://agentvisionnaire.com/entwicklungshilfe/zionismus/rassistischer-zionismus.html
6. Menschen wie Ken Jebsen ziehen gerne vor Gericht und verbieten dort allen außer sich selbst die freie Rede. Die Antilopengang hat von ihm eine einstweilige Verfügung zugestellt bekommen, wegen einer Zeile in dem hervorragenden Song „Beate Zschäpe hört U2“: „Jeder kennt einen der von Verschwörung schwadroniert/ Und er weiß wer die Medien und Börsen kontrolliert/ Dem es leichtfällt die Welt in Gut und Böse zu sortieren/ Und er kennt auch immer eine simple Lösung des Problems./ Zu Verschwörungstheorien gehören Vernichtungsfantasien/ Sie können sagen was sie wollen, sie sind schlicht Antisemiten./ All die Pseudo-Gesellschaftskritiker/ Die Elsässer, KenFM-Weltverbesserer/ Nichts als Hetzer in deutscher Tradition/ Die den Holocaust nicht leugnen, sie deuten ihn um/ Die Nazis von heute sind friedensbewegt/ Und sie sind sehr um Palästina bemüht Sie sind tierlieb, doch sie wollen Kinderschänder lynchen/ Und sie wissen dass die Chefs der Welt im Hinterzimmer sitzen/ Man kann und darf mit diesen Leuten gar nicht mehr reden/ Es sollte nur darum gehen ihnen das Handwerk zu legen“.
7. Das Compact Magazin, das „Magazin für Souveränität“ liegt inzwischen in fast jedem Kiosk zwischen der Konkret und dem Spiegel. Monatliche Auflage nach Eigenaussage: 30.000.

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5 Kommentare

  1. schade, kein impressum, wer ist mariasfirst?


  2. klingt aber ähnlich dem autoren:
    http://www.fr-online.de/politik/montagsdemos-der-rechte-weg-zum-frieden,1472596,27022238.html
    richtig?


  3. Das fragst du um mich zu verklagen?


    • Nein.


  4. „hervorragenden Song “Beate Zschäpe hört U2″“
    Wie bitte?



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