h1

Die Skeptiker

September 21, 2014

Die Skeptiker, kennt jemand diese Band? „Deutschland halts Maul“ und „Strassenkampf“, das waren Hymnen für mich. Da war ich 14 Jahre alt. „… Unsere Farben sind schwarz rot, unser Ziel ist Anarchie! Wir verachten die Gewalt und bekämpfen sie!… „. Die Typen waren echte Rocker. Supertypen. Ich habe die angehimmelt. Der Sound ging voran, die Message war da, ich habe das verstanden und war gewillt. Wenn ich mir „Deutschland halts Maul… wer das Geld hat, hat die Macht, denkt sich das fette Bonzenschwein, doch wenn es unter’m Auto kracht, dann hilft es gar nichts reich zu sein…“. angehört habe, dann war ich bereit mit meinen Springerstiefeln (die ich mir für zwei Gameboys und 20 Spiele auf dem Jungeninternats-Schwarzmarkt ertausch habe. Scheissdeal!) alle Bullen und Nazis platt zu trampeln und das Land anzuzünden.
Man lernt mehr Bands kennen. Verfeinert seinen Geschmack. Stellt auf Demonstrationen fest dass das mit dem Flaschenschmeissen eine mühseliges Handwerk ist, weil die Bullen gut gepanzert sind. Man kommt im Musikalischen weg von den platten Parolen die jeder versteht. Man wechselt gar ins Englische. Dead Kennedys, Angelic Upstarts und manchmal sogar Hip-Hop steht auf dem Programm. Heimlich hört man Tocotronic. Nach Jahren kommt man darauf, dass die Skeptiker auch ältere Platten mit weniger plaktiv-linkem-Revoluzzersound gemacht haben. Z.B. die „Harte Zeiten“, die altes Material aus DDR-Zeiten enthält. Mit dem Song „All right my boys“, über Homophobie und bigotten Spießerreflex: „Hat er sich endlich einen Jungen zugelegt und führte seine große Liebe an der Hand… schob der Spießer seinen sexuellen Frust. Eine Liebe von Mann zu Mann, das ist der Umwelt immer noch fremd, wo fängt die Liebe an, wo hört die Freundschaft auf, sag keiner dass er die Grenze kennt… allright, allrigt my boys!… „. Ein anderes Lied handelt von einem jungen Liebespaar, dessen Liebe durch die Bomben der Deutschen auf Paris beendet wird. „Pierre und Luce“. Das ganze Album, dass vor allem Material von 1987 enthält, ist ein gutes Beispiel für den Post-Punk der späten 80er, der neben der neuen deutschen Welle trotz allem fortexistierte. Dessillusioniert (z.B. „Strahlend wird die Zukunft sein“), depressiv (z.B. „Meine Zeit“), idealistisch, rebellisch und kunstavantgardistisch (z.B. „DaDa in Berlin“), antifaschistischer als die linken Spießer heutzutage („Pierre und Luce“) und instrumentell minimalistisch, auf die Tugenden des Punkrocks beschränkt und roh.
Ich habe die Platte hundertmal gehört und finde sie tröstlich und erbaulich und rundherum gut und habe mich sehr gefreut dass ich den Skeptikern treu bleiben konnte, per musikalischer Zeitreise und Rückgriff auf die alten Werke.
Ich bin nie auf die Idee gekommen einmal zu gucken was die Band heutzutage so treibt. Ein zufälliger Blick ins Internet hat mir leider verraten dass diese ostdeutschen Frühpunker noch weitere Platten fabriziert haben und bis heute auf vielen Bühnen in Aktion sind. Nach den Strassenkampfhits die ich als Jungpunk gut fand, kam 1993 die „schwarze Boten“, die mir irgendwie egal ist; mit dem seltsam motivierten Punkmetalsound und den depressiven Texten kann ich nichts anfangen. Genauso die Folgeproduktion von 1995 „Stahlvogelkrieger“. Punkmetal, oder Powerpunkmetal mit deutschen Texten. Raunend, warnend, undeutlich also postmodern, irgendwie auch mit Elektronik. Nicht mein Ding. Danach kam „Fressen und Moral“ 2009 und „Aufstehn“ 2013 und da bekam ich Kopfschmerzen. Neben dem teils deutschrockigen Sound, stieß mir vor allem die bösartige Doofheit der Texte auf. Die Skeptiker sind Elende und traurige Antisemiten. Alleine die Zeile „Volksvertreter=Volksverräter“ verrät das instrumenteller Minimalismus, Elektronisches und das Verzichten auf plakative Parolen nicht gleichbedeutend ist mit künstlerisch-naiv ausgedrückter Realitätsferne, der man mit gutem Gewissen lauschen und zustimmen kann, sondern häufig lediglich den jahrzehntelangen Prozess kennzeichnet, in dem ein gebeuteltes Subjekt zu sich selbst kommt und von >Verzweifelt< auf >Gefährlich< umschaltet. U.A. der Text von „Fettes Fleisch“ (und dieser ist nicht der schlimmste Song) spricht für sich:

„Nimmst du dir das Leben,
weil schon gar nichts mehr geht,
oder unternimmst du was,
dass sich endlich was bewegt,
dass die Kaste der Politiker
die Hinterbacken hebt.

Mit Schwielen am Gehirn
und der Hand am Sack,
langweilt sich die Meute
jeden neuen Tag,
viele liegen in der Gosse,
doch für diese rühr´n sie keine Flosse.

Sie haben fettes Fleisch,
sie schmarotzen,
faules Fleisch, auf uns´re Kosten.

Niemand ist korrupt
aber alle nehmen Geld,
von der Mafia der Wirtschaft,
weil man eng zusammenhält,
ihr Tag hat viele Stunden
aber Arbeit nicht zu lang,
mit den Luxusnutten saufen sie
von Sonnenauf- bis Untergang.

Sie haben fettes Fleisch…

Mediengeil sind alle
und präsent in jedem Falle,
aber Phrasen, die sie dreschen
sind fast immer zum Erbrechen,
jeden Tag Appelle,
sie soll sparen die Nation,
und im selben Atemzug
erhöhen sie sich die Diäten schon.

Sie haben fettes Fleisch…“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: