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„Theorie, Praxis, Party“

Januar 5, 2014

Wenn man als communistisch interessierter Mensch eine Solidaritätsparty oder eine Diskussionsveranstaltung organisieren möchte und weder über einen eigenen Raum, noch über die Geldmittel verfügt die benötigt werden um einen kommerziellen Raum zu mieten, bekommt man es mit der Asta-Mannschaft und ihrer Bürokratie, oder mit den Organisatorinnen und Organisatoren der bekannten linken Locations und ihrem bräsig-bornierten Plenumsgeschwätz zu tun. Man wage das Experiment und versuche im „Cafe Exzess“, oder gar in der „AU“ eine Soliparty für iranische Flüchtlinge zu organisieren; insofern man bis dahin noch keine fünf guten Gründe für eine erneute Hausbesetzung in FFM aufzählen konnte, danach hat man den ersten gefunden.
Nun gibt es offensichtlich Leute die genau dieses versuchen: Häuser besetzen. Alle bisherigen Anläufe aus dem erweiterten Umfeld, oder in inoffizieller Nachfolge zum „Institut für vergleichende Irrelevanz“ (IvI) ein neues autonomes Zentrum zu etablieren sind bisher an den bestehenden Besitzverhältnissen, der entsprechenden Lokalpolitik und der Polizei gescheitert. Schade. Die Stadt wäre mit einem „communal west“ oder einem „blauen Block“ lebenswerter geworden – zumindest für diejenigen die sich die Preise in kommerziellen Amüsierbetrieben nicht leisten können, oder wollen. Lebenswerter vllt. auch für Leute wie mich, die schon Angedeutetes in unregelmäßigen Abständen unbürokratisch organisieren möchten. Eine erfolgreiche Besetzung, gar eine bei der es sich für vernünftige Leute lohnen könnte mitzutun, scheint jedoch aus zweierlei Gründen nicht besonders realistisch zu sein:
1: Die Stadtverwaltung hat nicht nur mit einigen „robusten“ Räumungen während verschiedener Besetzungsversuche in den letzten zwei Jahren, sondern auch bei der einjährigen (politischen) „Verteidigung“ des IvIs mit Pseudoangeboten und hinhaltenden Verhandlungssimulationen bewiesen, dass sie nicht gewillt ist ein neues autonomes Zentrum in FFM zuzulassen.
2: Spätestens die Phase der IvI-Verteidigung hat den Beleg dafür geliefert, dass es in dieser Stadt keine ausreichende Anzahl von Leuten (mehr?) gibt, die emotional und intellektuell in der Lage wären, ein solches Haus in einem als „revolutionär“ zu bezeichnenden Sinne zu betreiben, geschweige den zu verteidigen. Noch schlimmer: Die gesellschaftlichen Verhältnisse scheinen so widrig und die entsprechenden Gedanken eine einzige Trümmerlandschaft zu sein, dass es nicht einmal mehr möglich ist die (selbstverschuldete) Niederlage die man im Falle des IvIs erlebt hat, in einem Kreis von auch nur 10 ehemaligen Betreiberinnen und Betreibern vernünftig auszuwerten. Den Beleg für diesen Umstand lieferten u.A. zwei Veranstaltungen die eigentlich extra zu diesem Zweck anberaumt wurden, ihn aber nicht einmal im Ansatz erfüllten. Dabei wäre eine Auswertung der Niederlage und eine gründliche Maneuverkritik das Wichtigste, bevor man erneut Häuser besetzt und Läden betreibt. Eine entsprechende Diskussion gibt es nicht und ich befürchte ich tue dem Hausbesetzernachwuchs – der zu einem bedeutenden Teil vorher im IvI mitgearbeitet hat – mitnichten Unrecht, wenn ich davon ausgehe dass auch auf deren Treffen das Scheitern des IvIs bisher kein als diskussionswürdig begriffenes Thema darstellte.

Um diese Diskussion anzuregen und weil ich mich mit der üblichen Schildbürgerei linker bzw. antideutscher Zusammenhänge nicht abfinden mag und weil Tradition und Langeweile eine Form der Konterrevolution darstellen und weil mir meine lädierten Nerven schon lange zu schade sind für weitere nutzlose Plenas und weil ich so vermessen bin und Trotz alledem meine dass es gesagt werden muss, folgen jetzt einige wenige, aber dafür kleinkariert ausgeführte Kritikpunkte rund um die IvI-„Verteidigung“.
Ich glaube dass das „einzige antideutsche Squad Deutschlands“(1) (Indymedia) im Grunde schon Jahre vor dem Verkauf an Franconofourt gescheitert war, dieses jahrelange, kollektive Den-Verhältnissen-auf-den-Leim-gehen in der Anspannung der Verteidigungssituation aber besonders fulminant zur Kenntlichkeit kam und deshalb eine Kritik an den Diskussionen und Aktionen der letzten 12 Monate im Kettenhofweg 130 weiter reicht als es die oberflächliche Spezifik der Thematik vermuten lässt.
Eine Geschichte des IvIs wäre wünschenswert, ist aber von mir nicht zu leisten. Die muss von anderen Leuten geschrieben werden. Auf dass man irgendwann lernt, die folgenden Dummheiten zu unterlassen.

A:“Kritisches Denken braucht und nimmt sich Zeit und Raum!“
Einen Tag nachdem der Verkauf des Universitätseigentums im Kettenhofweg 130 an die „Heuschrecke“ (O-Ton eines leitenden Angestellten dieser Immobilienfirma in der FR) Franconofourt bekannt geworden war, wurde ein Notfallplenum anberaumt. circa 100 waren gekommen, was für den kurzen Mobilisierungszeitraum ganz ordentlich war. Der Saal war voll und es herrschte Ratlosigkeit, Empörung, Tatendrang. Gemäß dem eigenen, bis zum erbrechen wiederholten Motto, das u.A. jahrelang die Eingangshalle des IvIs zierte „Kritisches Denken braucht und nimmt sich Zeit und Raum“ hätte man diese Gelegenheit nutzen können um eine ergebnisoffene Aussprache zu führen. Man hätte Juristinnen und Juristen (z.B. aus dem „Arbeitskreis kritischer Juristinnen“) bestimmen können, die sich in den nächsten Tagen kundig gemacht hätten, „wer ist der Käufer, wie steht es mit den juristischen Möglichkeiten der Hausverteidigung, gibt es Verhandlungspielraum?“. Man hätte Arbeitsgruppen bilden können um z.B. die seit Jahren versäumte Öffentlichkeitsarbeit auf Vordermann zu bringen, um im anstehenden Streit um die öffentliche Meinung gewappnet zu sein. Stattdessen – und das war das vorerst einzige Ergebnis dieses Plenums – wurde eine Spontandemo organisiert. Auf den Hinweis hin, dass es einer Spontandemo nicht bedarf, weil wir vom Verkauf nicht offiziell, sondern durch kommunizierende Röhren aus dem linken Unifilz erfahren haben und wir deswegen nicht unter Zeitdruck ständen, gab es fast ausschließlich erstaunte Gesichter im Auditorium. „Erst denken und dann handeln“ lautete der abschließende Tenor des Redebeitrags. Er wurde unisono abgewiesen und dies u.A. mit dem an Dummheit nicht zu übertreffenden, vermeintlichen Totschlagargument die FR (Frankfurter Rundschau) hätte um 18 Uhr Redaktionsschluss (das besagte Plenum fand mittags um 14 Uhr statt). Das die FR jeden Tag um 18 Uhr Redaktionsschluss hätte, der Verkauf in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt sei und auch so schnell nicht bekannt gegeben werde, das deshalb der ganze Sinn von einer „Spontandemo“ wegfalle und man in der selten komfortablen Lage sei nicht sofort reagieren zu müssen, sondern planen könne um an gut gewählter Stelle, mit dem richtigen Inhalt zu agieren blieb egal und die Transparente wurden aus dem Keller geholt. Spontandemo. Vorneweg das rosa Transparent mit den Power-Puff-Girls und dem Spruch: „Ich geb dir gleich Räumung“. Man hat an diesem Tag, oder an einem der nächsten Tage, an denen ebenfalls spontan demonstriert wurde (wenn der Mob erstmal in Stimmung ist!) noch bei Franconofourt und im Unipräsidentenbüro rumrandaliert und peinlichste you tube-Videos produziert, die man auch noch selber ins Net stellte, weil man irrigerweise annahm der Unipräsident hätte sich in dieser Situation zum Deppen gemacht und nicht der wild gewordene Haufen selbstinfantilisierender Staatsbürgersubjekte.
Eine Praxis die den eigenen postulierten Anspruch noch tiefer unterläuft ist kaum vorstellbar und jede K-Gruppe der 70er hätte Zeit und Gelegenheit besser, bzw. der Revolution dienlicher zu nutzen gewusst.

B: „Fin de l’université“
Parallel zu den angedeuteten Peinlichkeiten auf der Strasse, im Büro der Universitätsverwaltung und vor dem Sitz der Franconofourt (die in einer Nacht und Nebel-Aktion inzwischen die Tür ausgebaut hatte und das Wasser abstellen ließ), wurde dann doch über die Öffentlichkeitsarbeit nachgedacht. Allerdings musste man nicht allzu lange denken, konnte man doch (in vermeintlich kryptorevolutionärer Absicht) auf den Inhalt eines alten Lieblingsprojekts der Reformisten zurückgreifen: Das IvI als – selbstverständlich „kritischer“ – offizieller Part der Universität, in dessen Räumlichkeiten die theoretischen Bereiche bearbeitet werden können, die im alltäglichen Lehrbetrieb nicht vorkommen. Das IvI als Grundbedingung für die Frankfurter Exzellenz. Und so klang dann auch der diesbezügliche Tenor in den Interviews und Pressemitteilungen, die man im Laufe der Zeit abgab. Dumm nur dass die Universitätsleitung zu keinem Zeitpunkt auf diese offensichtliche Hochstapelei einging und auch die vielen, gleich lautenden Zuneigungsbekundungen die man von engagierten Professorinnen und linken Universitätsangestellten schriftlich einholte, das Präsidium nicht davon überzeugte, dass vom Personal des „…Instituts“ in Zukunft irgendeine verwertbare Denkleistung zu erwarten wäre, auf die zu verzichten man sich nicht leisten könne. Auf die immer offensichtlicher werdende Ergebnislosigkeit dieses Kurses, reagierten einige mit Unmut. Eine radikalere bzw. konfrontativere Öffentlichkeitsarbeit wurde eingefordert. Diese Konfrontation wurde auch geliefert und bestand vor allem darin, den Verkauf des IvIs zu skandalisieren. „Es ist eine Schweinerei dass die Unileitung das IvI verkauft hat, ohne uns davon zu benachrichtigen“ war einer der vielen entlarvenden Sätze die man zu diesem Thema auf dem Plenum zu hören bekam und auch diverse Pressemitteilungen klangen ähnlich. Illegale Machenschaften und Lug und Trug und Gemeinheit und böse Menschen überall; die Pressesprecherin „Sarah Sonnenschein“ in einer der unzähligen Pressemitteilungen über Franconofourt: „Es ist eine Unverschämtheit, dass zuerst ein Überfallkommando von Franconofurt die Eingangstür klaut und illegal Strom und Wasser abstellt, und wir dann auch noch kriminalisiert werden sollen. Die Versorgung mit Strom und Wasser gehört zu den Grundrechten des Wohnens und Lebens. Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die kriminellen Praktiken von Franconofurt, wenn sie versuchen, Mieter_innen mit solchen Mitteln zu vertreiben.“. Seit wann ist es im Kapitalismus ein Skandal, wenn ein Besitzer sein Eigentum verkauft?: Ein Versuch der Skandalisierung wo kein Skandal ist. Zu welchem Zeitpunkt waren die IvI-Betreiberinnen und Bewohner „Mieter_innen“ und nicht ihrerseits illegal agierende Squatter, die sich allzu dem von der Universität Strom und Wasser haben bezahlen lassen?: Handfester Realitätsverlust. Man ging wohl davon aus die Stadtöffentlichkeit wäre genauso voluntaristisch verfasst wie man selber und eine relevante Anzahl von Mitbürgern würde unter den Verhältnissen des geschützten Privateigentums im Abstellen des Wassers und in der Wahrnehmung der Eigentumsrechte einen Skandal wittern.
Zwischendurch, wenn man gerade keine sackdummen Flugblätter (O-Ton IvI-Plenum: „Besser als garkein Text“!) schrieb und verbreitete(2), ging man auf Betteltour bei Politik und Universitätshonoration. Was das ganze Gefuchtel und die Verhandelei mit Grünen und Piraten und Linken und SPD gebracht hat weiß man jetzt. Ich wusste es damals noch nicht und ich habe mich zunächst auf die Reformistinnen, Juristen und Politikanten verlassen, die regelmäßig auf dem Plenum auftauchten und dieses oder jenes vermeintlich wichtige Detail aus ihren Gesprächen mitteilten. Nachdem diese Gespräche aber weitgehend ergebnislos verliefen und die Monate ins Land gingen, habe ich mich ebenfalls zu einem dieser Gespräche gequält, um aus erster Hand mitzubekommen, was von unseren Verhandlungspartnerinnen und Partnern eigentlich zu erwarten wäre. Da saß ich dann, auf dem Nazicampus im „Sturm und Drang“ und schlürfte meine Cola und guckte einer grünen Senatorin oder Professorin und einem Professor und noch einem ganz wichtigen Menschen dabei zu wie sie im Jargon der Herschafft über Stadtpolitik und das IvI (am besten demnächst in einem Containerdorf auf dem Nazicampus) und die Vernachlässigung der kritischen Theorie und die Preise im „Sturm und Drang“ plauderten, während meine beiden Politikantenbegleiter versuchten Messer und Gabel richtig zu halten. Eine halbe Stunde ging das so und es war kein Ende abzusehen und das war wohl das xte Gespräch mit diesen Herrschaften. Ich habe irgendwann einfach nachgefragt was es denn so an Raumangeboten gäbe aus der Politik. Gar keine. Ich fragte nach anderen Gesprächspartnern von denen man mehr erwarten könne. Niemand. Aber dafür gab es von Frau Professorin – ihres Zeichens städtische Honoration und mit jedem Entscheider persönlich bekannt – einen kostenlosen Tipp. Wir sollten mal beim faitre votre jeu! nachfragen, „die haben doch so viel Platz in ihrem Gefängnis und da würde doch bestimmt auch noch das IvI reinpassen“.
Um die Beschreibung aus diesem Jammertal abzukürzen, bleiben mir ein paar kurze Feststellungen, die jedem der sich im linksradikalen, bzw. antideutschen Milieu auskennt eine Marginalie sein sollten. Die ganze Öffentlichkeitsarbeit war geprägt von Voluntarismus und den verschrobenen Vorstellungen von Leuten, denen es nur selten gelingt die eigene, freiwillige Unterordnung unter den Staat, unter die Universität und unter die politisch verfasste Peergroup zu verbergen. Wenn eine Gruppe von circa 20 Leuten den Universitätspräsidenten Müller-Esterl umzingelt und ihn hysterisch anbrüllt was er doch für ein gemeiner Kerl sei und eine Frau aus dieser Gruppe ihn unter Tränen anklagt „Sie sind doch überhaupt noch nie im IvI gewesen, sie wissen doch überhaupt nicht was wir da machen…“ dann spricht diese Szenerie eine deutliche Sprache. Die ganze sog. „Öffentlichkeitsarbeit“ hat lediglich einigen Politikantinnen und Möchtegernaufsteigern geholfen Skills zu trainieren und Kontakte zu knüpfen (z.B. zu diesen ekligen Menschen im „Sturm und Drang“), während andere verkrachte Existenzen wiederum Gelegenheit bekamen, ihren alten Traum vom Unijob als offizieller Institutsmitarbeiter weiterzuträumen. Inhaltlich war das ganze insofern völlig verfehlt, als dass es zu keinem Zeitpunkt gelungen ist an der Stelle zu skandalisieren, wo der Skandal tatsächlich stattfindet. Anstatt linke Allerweltsphrasen zu Gentrifizierung und „repressiver Stadtpolitik“ zu dreschen, wäre es vernünftig gewesen das eigene, konkrete Interesse an diesem Ort als ein allgemeines Interesse darzustellen. Eine solche Argumentation hätte auch den Vorteil gehabt dass sie keine Lüge darstellt. Schließlich hätte jedermann gerne eine eigene Kneipe in der das Bier 1,50 kostet und jeder will einen Saal in dem er kostenlos über einen Beamer und eine diskotaugliche Musikanlage verfügen kann und keiner will täglich als bloßer Arbeitskraftbehälter und in überteuerten Bruchbuden lebender Konsument vernutzt werden. So hätte man vllt. einen Teil der Stadtöffentlichkeit auf seine Seite ziehen können – das setzt leider auch die Bereitschaft voraus Dinge zu tun die in der Szene nicht so beliebt sind wie Techno-Raves und Clownsdemos, z.B. Texte auf der Strasse verteilen, Flugblätter in entlegenen Stadtteilen in Briefkästen werfen, etc. – und so hätte man auch der Politik vllt. klarmachen können dass das IvI ein Thema von Relevanz ist und dass es eventuell um Wählerstimmen gehen könnte und dass es eine gute Idee sein könnte ein Ersatzobjekt rauszurücken. Stattdessen wurde das Beschriebene veranstaltet und damit die Parole, die von der S.I. während der französischen Studentenproteste der 60er geprägt wurde und die man auch während der Verteidigung reichlich plakatierte und die einmal das Motto der ivieigenen „Gegenuni“ darstellte „Fin de l’université“, nach allen Kräften konterkariert.

C: „IvI bleibt stabil“
Verschiedene Leute haben regelmäßig gute Vorschläge gemacht und Arbeitsgruppen gegründet und beschriebenes Papier produziert. Für die Arbeitsgruppen interessierte sich entweder keiner, oder es wurde sich nicht an die Beschlüsse dieser Arbeitsgruppen gehalten. Leute die vernünftige Ideen hatten wurden auf dem Plenum entweder belächelt und ihre Punkte abgetan, oder ihre Aktionen wurden boykottiert. Das einzige was wirklich funktionierte war der übliche linke Zirkus. Aktionsklettertraining, veganer Eintopfsonntag und Barrikadeworkshop. Über die Monate verschwanden die letzten vernünftig Gebliebenen entnervt vom Plenum. Auf einem der letzten Plenas auf dem ich anwesend war, wurde ein Angebot diskutiert, das der Chef von Franconofourt den IvI-Betreiberinnen und Betreibern über die Zeitung gemacht hatte. Für 10.000 Euro sollten wir das Haus ohne Widerstand verlassen. Der „Arbeitskreis kritischer Juristen“ hatte vorher schon versucht den Verkauf des Hauses zu skandalisieren, indem sie das in ihren Augen undurchsichtige Verkaufsprocedere thematisierten, um das Geschäft zwischen der Universitätsleitung und Franconofourt als illegal zu brandmarken. Diese Taktik hatte zu keinem Zeitpunkt Erfolg und jetzt sollte dieser Brief erneut als Gelegenheit genutzt werden, um den angeblich zu niedrigen Kaufpreis des Hauses mittels eines öffentlichen Antwortschreibens zu thematisieren. Zu einem Zeitpunkt, an dem alle juristischen Mittel ausgeschöpft und alle „Verhandlungen“ gescheitert waren und die polizeiliche Räumung des Hauses täglich erwartet wurde. Ein Gegenvorschlag besagte, man solle auf das Angebot eingehen und mit dem Mann ernsthaft verhandeln. Er bietet 10.000, wir fordern 100.000 und treffen uns in der Mitte. Aus dem Haus musste man früher oder später sowieso raus und so würde man wenigstens mit Geld gehen und den Skandal mit dem Kaufpreis könne man auch später noch versuchen. Die Idee wurde abgelehnt, mit dem für die Meisten offensichtlich sehr einsichtigen Einwand „Mit dem Schwein verhandeln wir nicht, der hat uns die Tür ausgebaut“. Andere fanden es sehr wichtig nicht freiwillig aus dem Haus zu gehen wegen dem „politischen Signal“ (an wen dieses Signal gehen soll und was dieses Signal den wünschenswertes signalisieren sollte blieb unklar). Aus dem gewünschten Skandal wurde kein Skandal und Geld gab es auch keins.
In den letzten Tagen des Hauses wurde noch so einiges an Blödsinn veranstaltet, der mir die Haare zu Bergen hätte stehen lassen, wäre ich live und gefühlsmäßig involviert dabei gewesen. Ich habe mich aber aus dem Staub gemacht und so habe ich nur mündlich berichtet bekommen wie man versuchte neue Bewohnerinnen in das Haus zu bekommen, wie man trotz massig freistehender Zimmer versuchte die letzten drei Männer die noch im Haus wohnten raus zu schmeißen, damit jüngere und vor allem weibliche Menschen einziehen können, wie man M. Hausverbot erteilen wollte wegen Rassismus, weil er zu einer Ansammlung dunkelhäutiger Menschen „Afrikaner“ gesagt hat und wie sich der Layouter vertat und anstatt einem sowjetischen T-34, einen deutschen Sd.Kfz. 171/einen Panther der Division „Grossdeutschland“ auf den Spucki druckte („nehmt ihr uns das IvI ab, wird Frankfurt zu Stalingrad!“). Die Räumung kam und ich stand als Zaungast 200 Meter entfernt und das war eine der kraftlosesten Aktionen der linken Szene die ich je erlebt habe.
Einige scheinen das IvI, oder den „Gedanken ans IvI“ – wie es so doof auf einem der Plenas hieß – nach wie vor am Leben erhalten zu wollen. Seit einem Jahr gibt es unregelmäßige Partys unter dem IvI-Label, u.A. in einer U-Bahnstation in Bockenheim, auf der Wiese vor der EZB und im „Tanzhaus West“.

Nachtrag:
Sollte dieser Text von irgendeinem Ex-IvI gelesen und kommentiert werden, ahne ich schon was kommt. Meine Beschreibung wird als eine singuläre „Erzählung“ von vielen bezeichnet werden, man wird mir erklären dass man im „Sturm und Drang“ gar nichts gegessen habe und deswegen die Sache mit dem richtig gehaltenen Besteck überhaupt nicht der Wahrheit entspräche und man wird mir beizubringen versuchen wv. ich verpasst habe und wie gut die GegenUnis und Kongresse waren und dass ich nicht immer alles so schlecht machen soll. Ich werde antworten „Aber was hat das ganze gebracht – all die Veranstaltungen, die Lesekreise und Workshops, wenn schon im Moment der ersten Bedrohung, alle klugen Einsichten in die kritische Theorie und den Lauf der Dinge die man im IvI meinte gehabt zu haben, offensichtlich für die Katz waren, wie ich unter A: beschrieb?“. Das es nicht so schnell geht mit dem Bewusstsein, wird man mir entgegnen und dass so viele Kids wegen der richtungweisenden Verknüpfung von Theorie und Party mit Adorno und Marx in Berührung gekommen wären und dass dieser Umstand vllt. erst in einigen Jahren zum tragen kommt und dass mein harsches Urteil verfrüht sei – eine der faulsten Ausreden, an die ich mich noch aus DKP-Zeiten erinnere.
Mir wird es in den meisten Fällen egal sein was die Leute reden. Sollen sie sich weiter ihre alten Geschichten an der Theke erzählen und die Welt für ihre Ungerechtigkeit verfluchen. Das wird nichts an der Tatsache ändern das es so aussieht, als wären der Grossteil der Leute an Schule und Universität inzwischen entsprechend zugerichtet, das man seine Zeit vergeudet wenn man versucht mit ihnen Häuser zu besetzen. Auch wenn ein hoffnungsvoller Ansatz gemacht ist, findet man sich in der Praxis schnell wieder, in einem Kampf gegen die Mensch gewordenen Institutionen und das ist ein Kampf gegen Windmühlen. Da lese ich lieber die Erinnerungen von Rosa Meyer Levine und erfahre dort, dass es schon 1919 in den Gremien der Münchener Räterepublik ähnlich ausgeschaut hat.

Anmerkungen:

1. In Wirklichkeit war das IvI niemals ein „antideutsches Squad“, sondern ein Hausprojekt das aus den Studierendenprotesten 2003 hervorging und in dem von Anfang an viele sich widerstreitende politische Richtungen und Theorieschulen vertreten waren. Reformistinnen, klassische Hausbesetzer, Feministinnen, universitäre Linke und auch Antideutsche. Das sich Israelsolidarität und Palituchverbot als „guter Ton“ im Haus durchgesetzt haben, war in den ersten Monaten nicht sicher und zu jeder Zeit musste gegen Diejenigen gestritten werden, die, die aus der kritischen Theorie abgeleiteten Mindeststandards am liebsten revidiert hätten.

2. Zu diesem Flugblätter habe ich eine Email über den hausinternen Verteiler geschrieben, die ich hier dokumentiere. So erspare ich mir die Kommentierung im Haupttext. Ich zitiere mich selbst:
„OMG
Scheiss Aufruf!
Und zwar deshalb:
1. Zitat Aufruf: „Der neoliberale Umbau des öffentlichen Raumes der letzten 20 Jahre sorgt nicht zum ersten mal für Unmut. Nicht desto weniger hat das Thema nichts an seiner Brisanz verloren – bestimmt es doch ganz maßgeblich unseren Alltag.“: Absoluter Nullsatz. 10 Worte weniger hätten es auch getan, um den – falschen – Inhalt an Frau/Mann zu bringen. „Neoliberaler Umbau… seit 20 Jahren“. Was war der Grund für den Häuserkampf in den 70ern? um was ging es da? war das auch ein „neoliberaler Umbau“? Beantwortet diese simplen Fragen und ihr werdet selber merken das dieser Satz Schwachsinn ist. Phrasengedresche.
2: Zitat Aufruf: „Jüngste Ereignisse im Rhein-Main-Gebiet zeigen, dass Stadtpolitiken immer mehr unter unternehmerischen Gesichtspunkten arbeiten.“ JÜNGSTE ERIGNISSE??? Seit ihr noch ganz dicht? Unter welchen anderen Gesichtspunkten hat Stadtpolitik den sonst funktioniert? Wann, wo?
Die Geschichte zeigt das „Stadtpolitik“ immer verschiedenen Bedürfnissen Rechnung tragen musste. Das die Bedürfnisse der Kapitalverwertung unter den Arbeitsbedingungen des relativen Friedens immer ein Primat war, der – aus verschiedenen hier nicht zu erläuternden Gründen – schon seit langem verstärkt zur Geltung kommt, sollte einem Menschen der noch drei kohärente Gedanken aneinanderreihen kann nicht nur nach den „jüngsten Ereignissen“ klar sein! Ihr macht euch selber dumm mit so einem geschichtslosen Dahergerede.
3: Die folgenden fünf Sätze sind allesamt empörte Phrase, argumentfreies infantiles auf dem Boden Herumgestampfe, das jeder Schülerunionler aus dem FF und zur vollen Zufriedenheit des von euch offnsichtlich als anzusprechendes grünalternatives/linksbürgerliches anvisiertes Flugblattleserpublikum parieren kann. Zitat Aufruf: „Beispielsweise ist doch der Umbau von Mietshäusern zu teilweise luxuriösen Eigentumswohnungen ein Prozess, welcher der Förderung sozialer Wohnbauprojekte und alternativer Wohnprojekte vorgezogen wird!“… darauf der fiktive Schülerunionler: „Sozialen Wohnungsbau können wir erst finanzieren wenn die Kassen der Stadtverwaltung saniert sind. Ohne entsprechendes Steueraufkommen können wir keinen sozialen Wohnungsbau finanzieren… in Zeiten der Krise… attraktiver Wohnraum… zahlungskräftige Kundschaft… Einzelhandel… Steueraufkommen…blablabla…“ Schon sitzt ihr linken Hobbypolitiker mit eurer voluntaristischen Scheissargumentation auf dem Arsch.
Geht doch mit so einem Geschwätz zu Anne Will ins ZDF.
4. Zitat Aufruf: „Diese sogenannte „Aufwertung vermeintlicher Problemviertel…“. Sehnsucht nach dem Ghetto, Sehnuscht nach dem Müll? Die zu vermutenden FlugblattschreiberInnen wohnen doch auch lieber z.B. in Bockenheim unter ihresgleichen, in renoviertem Fachwerkbau oder in chicen Studiappartments, anstatt in z.B. Griesheim, in niemals saniertem 50er Jahrenachkriegsplattenbau. Gallus, Gutleut, Nied etc. sind wirkliche Problemviertel und zwar aus unterschiedlichsten Gründen und die Aufwertung ist eine reale Aufwertung. Das Problem dabei ist nur das diese Aufwertung nicht allen zugute kommt.
Erst nachdenken, dann schreiben.
5. Zitat Aufruf: „Die sowieso schon Marginalisierten sollen unsichtbar gemacht werden! Eine Stadtpolitik, die soziale Problemlagen vor allem repressiv zu lösen gedenkt und in der ganzen BRD Schule macht.“ Wer sagt das diese Stadtpolitik bundesweit Schule macht? Eine repressive Stadtpolitik ist etwas Neues, früher war es besser? Die Realität ist mal wieder komplexer, als das ihr dazu im Stande wärt diesem Umstand in einem kurzen Text Rechnung zu tragen, bzw. wenigstens darauf hinzuweisen.
Und wenn die Stadtpolitik die „sozialen Problemlagen“ einmal nicht mehr „repressiv zu lösen gedenkt (warum auch immer. vllt. weil die Aufrufschreiberinnen und die Aufruffolger sie per demokratischer Wahl der Linkspartei dazu gezwungen haben? Bei den IvI-Textschreibern scheint ja alles im Kopf möglich zu sein), sondern die ganzen pathernalistischen Sozialpädagoginnen und Sozialtechniker mit ihren Blockflötenprogrammen für Migrantenkinder zum Zuge kommen, dann seid ihr zufrieden oder was?
Ich habe 10 Minuten gebraucht um die paar Wiedersprüche, anticommunistischen Unsinnigkeiten in diesem Text festzustellen und aufzuschreiben! Den letzten Absatz lasse ich unkommentiert. Ich bin einfach nicht bereit mich mit so einem altbackenen Stuss ernsthaft auseinanderzusetzen.
Wer hat diesen Text Korrektur gelesen, wer hat diesen Quatsch verbrochen?
Ihr haltet die Leute auf der Strasse wohl für so doof, das sie euch einen solchen Wortmüll abkaufen. Der gesamte Text besteht nur aus einer Aneinanderreihung von gängigen (u.A. auch linken) Phrasen. Was soll das? Wir sind hier nicht bei der Bildzeitung oder bei der Swing-autonomes RheinMain-Info! „Kritisches Denken nimmt sich Zeit und Raum“. Ihr lasst nicht nur diese Parole die sich das IvI auf die Fahnen geschrieben, mit nicht nur dieser unsinnigen Lautäußerung eurer Gedankenwelt zur Phrase verkommen.
Die „Leute auf der Strasse“ winken u.A. deswegen ab, sobald sie was von solchen Angelegenheiten hören, weil sie es in einer Form vorgetragen bekommen, die sie nur allzu oft gehört haben und „instinktiv“ wissen was von solchem Sprechautomatentum zu halten ist.
Wenn ihr euch auf das Terrain der Politiker bewegt – und sei es auch nur im Jargon – habt ihr schon verloren. „Der Idiot zieht dich herunter auf sein Niveau und schlägt dich mit Erfahrung“ sagt der Volksmund.
Was glaubt ihr eigentlich was für eine Welt ihr erkämpfen könnt, wenn ihr meint die Menschen mit dem gleichen verkürzten, falschen, spektakulären, schlagwortartigen Dreck abspeisen zu können, wie es „die Herrschenden“ z.B. in der Bildzeitung tun? Gar keine!
Offensichtlich sind bei einigen Leuten mit der zunehmenden Räumungsdrohung die letzten originären, quasi selbstgefassten Gedanken flöten gegangen. Da müssen nur ein Anwalt und ein Bulle zur Tür reinmarschieren und mit Zetteln wedeln und schon wird reflexartig in die Kiste des Althergebrachten/nachweislich Untauglichen gegriffen. Zeilenschinderei, Phrasengedresche, Worthülsen, abeschriebener Denkdreck… als ginge es um eine Seminararbeit die man noch schnell im Suffkopp nachts zusammentippen muss, damit man am nächsten Morgen irgendeinen Schein bei Doktor XY bekommt.
PS und im Übrigen: Die Jogginghosen sind ganz grosser Mist. „Kettenhofweg 130, bzw. Gay forever“. Ist eigentlich schon irgend wem klar geworden wie reaktionär, falsch, sinnlos, dumm, und rückwärtsgewandt diese Parole ist? Den Kettenhofweg 130 wird es solange geben, solange es den Kettenhofweg gibt, nur halt wahrcheinlich ohne uns. Also quasi sowieso „forever“. Das IvI „forever“? Grauenhaft! Das bedeutet also ihr gedenkt „forever“ in Verhältnissen leben zu wollen in denen so etwas wie das IvI – eine Spermüllansammlung, in einem potenziellen Abrisshaus, in dem wir es nur aushalten weil es billiges Bier, einen Beamer, eine Anlage und die prinzipielle Möglichkeit einer relativ freien Asoziation gibt – notwendig ist? Eine Horrorvision. „Gay forever“ ? Ihr wollt also diese Verdinglichung der menschlichen Sexualität in Bi, Gay, Trans, Hetero verewigen und nicht dereinst den Gesamtzusammenhang zertrümmern der solche zwangsläufig repressiven Verdinglichungen erst notwendig macht und zu immer neuen absurden Höhen befeuert? Entlarvend in Anbetracht des ganzen – bei den meisten sowieso aufgesetzt wirkenden – QueerGetues das regelmäßig zu Partys entfaltet wird.
PS2: Was ist eigentlich aus der Idee der symbolischen Bürgermeisterinnenvillabesetzung geworden? Mir scheint es symptomatisch, dass aus dem einzigen sinvollen (weil neuen, gut zu vermittelnden, „kreativen“, einige Möglichkeiten der selbstbestimmten Pressearbeit offenlassenden-) Vorschlag den ich im Zuge der Hausverteidigung auf dem Plenum gehört habe, offensichtlich nix geworden ist, weil sich bisher zu wenige dafür interessierten.
Irgendwelche sinnlosen Raves, Spontandemos, Deppenflugblätter, Transpimalereien, Volksküchen und wichtigtuerischen Pressegespräche im Herrschaftsjargon sind immer drin, aber wenn einer mal ne Idee präsentiert die aus dem tradierten Handlungsmuster herausfällt… stille in der Wüste.
„Kritisches Denken nimmt sich Zeit und Raum“.
Nehmt euch mal Zeit und denkt über den Raum und die in meiner Mail enthaltene Kritik nach. Solange dieses Nachdenken keine nachweislichen Früchte trägt, bleibe ich Partykeyosksaufgeschlechtverkehrsbörsenkunde bzw. handelsüblicher Schmarotzer, der zum Gelingen des Vorhabens „Erhaltung des IvIs“ tendenziell nix beizutragen hat und höchstens mal hinter der Theke steht um Bier zu verkaufen um schlechte, bzw. gute Laune zu verbreiten.
Wie immer und trotzdem mit Gruss
S“

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One comment

  1. Schön dass du die Erinnerung ans ivi am Leben hälst



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