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Der Ober sticht den Unter

Oktober 24, 2013

Ein großer Betrieb mit hunderten Beschäftigten, birgt gewisse Vorteile für den hierzulande Proletarisierten. Im Gegensatz zu einer traditionellen Handwerksklitsche, oder einem kleinen Bautrupp, oder einer Kneipe, muss man in der Produktion nicht unter dem argwöhnischen Blick des viel zu oft anwesenden Chefs arbeiten. Man marschiert in langen Kolonnen durch das Fabriktor und ist per Drillich-Uniformierung eine austauschbare Nummer. Die eigenen Vorstellungen von der Welt, die eigenen Überzeugungen und selbst das eigene Äußere interessieren dort nur wenig. Es kommt lediglich darauf an dass man die geforderten Handgriffe im vorgegebenen Takt vollführt. „Nehmen sie mal die Hände aus den Taschen…, stehen sie auf wenn ein Kunde den Raum betritt…, kaufen sie sich mal ein neues Oberhemd…, immer dem Kunden zugeneigt…, machen sie Umsatz…, wer soll das bezahlen…“ und all die anderen vom Surplusgedanken befeuerten Sprüche die ein Ladeninhaber, oder eine an den Mitteln anderweitig verrückt gewordene Tagesumsatzagentin permanent von sich gibt, bekommt man in einer großen Fabrik nicht zu hören. Dort ist man Träger der Durchschnittsarbeitskraft und der ebenfalls  lohnabhängig beschäftigte Durchschnittsvorgesetzte lässt einen bei erbrachter Durchschnittsarbeitsleistung in Ruhe.

So dachte ich mir und deswegen habe ich mich 2007, nach diversen entnervenden Arbeitsverhältnissen in besagten Klitschen, bei einem internationalen Transportunternehmen am Frankfurter Flughafen beworben. Nachdem ich Gesundheitstests und sonstige Eignungstests bestanden hatte, wurde ich zusammen mit 40 Anderen eingestellt. Ich kam in die Nachtschicht, wie ich mir gewünscht hatte. Zum Tariflohn gab es einen Nachtzuschlag. Die Gewerkschaft hatte eine Pause von 48 Minuten rausgehandelt. Arbeitskleidung und  Monatskarte gab es kostenlos obendrauf. In der Kantine wurde bis morgens um 5 Uhr frisches Essen zubereitet und aufgrund meiner guten Testergebnisse, wurde ich in den Hochsicherheitsbereich beordert; als Einziger von 40. Nach einer drei monatigen Probezeit, sollte ich in die 3000 köpfige Stammbelegschaft, mit einem unbefristeten Vertrag übernommen werden. Für Viele mag es lächerlich anmuten, aber meine erste Empfindung war Stolz. Zuerst war ich stolz auf die Tatsache das ganze Procedere durchgehalten zu haben, nach wenigen Wochen war ich einfach nur glücklich, weil ich entgegen meinen Befürchtungen mit der Arbeit sehr gut zurecht kam. Nach einer dreiwöchigen Anlernphase, marschierte ich jeden Tag in einer Hundertschaft mürrisch dreinblickender Durchschnittsproletarier durch die Sicherheitsschleuse und das Fabriktor, stand stundenlang am Fließband, bediente verschiedene Maschinen, fuhr mit kleinen Transportwagen vom ersten bis zum sechsten Stock, belud Transportcontainer und Anhänger, kam mit den dauerbekifften und oft betrunkenen Kollegen gut klar, träumte dabei meinen leninistisch colorierten Traum vom Industrieproletariat, und auch der „TeKo“ (Technischer Koordinator/der Vorarbeiter) machte mir keine Probleme.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Das hätte alles so weiter gehen können und ich könnte jetzt noch ein stolzes Rädchen im Räderwerk des hochkomplexen Hochsicherheitsluftpostverfrachtungsgewerbes abgeben, wäre da nicht der Student gewesen, der in der Abteilung für Hochsicherheitsluftfracht ein halbjähriges Praktikum für sein technisches Studium absolvierte. Dieser Mensch wurde nach zwei Monaten dazu eingeteilt, mir die Funktion einer neuen Maschine beizubringen. Er erklärte, ich lauschte, er schweifte ab und erzählte von seinem Studium, seinem Auto und seiner Freundin und als sich ein gewisses Vertrauensverhältnis eingestellt hatte, teilte ich ihm im locker dahinplätschernden Gespräch mit, dass ich in der Kindheit ein Aufmerksamkeitsdefizit gehabt hätte und das es vllt. passieren könne, dass ich verschiedene, die Maschine betreffende Fragen zwei oder dreimal stellen müsse. Er hörte was ich sagte, nickte freundlich und lief in der Pause zum TeKo und teilte ihm mit das ich ein – im mehrere Monate zurückliegenden Vorstellungsgespräch unerwähntes – Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom hätte. Das war das erste Mal in acht Wochen dass der TeKo das Wort an mich persönlich richtete. Der war empört. Schrie mich an und teilte mir mit dass er solche Leute wie mich im Hochsicherheitsbereich nicht gebrauchen könne. „Stellen sie sich vor ein Lastenträger der nach Singapur gehen soll, wird aufgrund ihrer Dusseligkeit nach Amerika geflogen. Das kostet die Firma Strafgelder ohne Ende und ich bin dann der Gelackmeierte“. Am Tag darauf kam ein Beauftragter von der Standortleitung und beobachtete mich stundenlang bei der Arbeit, während er irgendetwas auf seinem Klappbrett notierte. Obwohl ich bis dahin noch nicht einen Fehler gemacht hatte und immer pünktlich war, wurde ich in der drauffolgenden Woche fristlos gekündigt. Mein Industrieproletariertraum war ausgeträumt und mein Stolz reichlich geknickt. Außerdem war ich wütend auf den Studenten. Weil ich den geknickten Stolz und die Wut auf die Gemeinheit dieser Welt nicht verspüren wollte und weil ich nicht drei Wochen in einem Betrieb weiterarbeiten wollte der mich gekündigt hatte, holte ich mir am nächsten Tag eine Krankmeldung für eine Woche. Meine Arbeitskleidung, meinen Firmenausweis und mein Bahnticket schickte ich per Post zurück. Die Briefe die der Konzern mir danach noch schickte habe ich ungeöffnet weggeschmissen. Ich wollte diese kränkende Niederlage einfach verdrängen.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                2013, also sechs Jahre später, bekomme ich vom Gerichtsvollzieher einen Vollstreckungsbescheid über knapp tausend Euro. Weil ich damals keine Krankmeldung für die bis zum endgültigen Datum meines Ausscheidens verbliebene Zeit eingeholt hatte und weil ich während der Probezeit gekündigt worden bin, fordert der Konzern jetzt, 6 Jahre später, den letzten Monatslohn zurück. Insofern ich mir keinen Anwalt besorge und insofern ich nicht die Nerven und das Geld investiere die ein ewiges Prozessieren voraussichtlich kosten wird, kommen sie damit durch und das Geld wandert von meinem Konto auf deren Konto.                                                                                                                                                       Die einzige Frage die mir bleibt: Wie vertreibe ich jetzt den ganzen Groll? Soll ich in mich gehen und mir wie gehabt mit einem linksstudentischen Mantra aushelfen und vor mich hinmurmeln „Das Ausbeutungsverhältnis ist ein apersonales, das Ausbeutungsverhältnis ist ein apersonales…“, oder soll ich dieses ganze gegen mich gerichtete Ungemach in einem flotten Spaß mit Worten auf meinem blog verarbeiten?                                                                                                                                                                                                                                                                                                   Während ich heute auf dem Amtsgericht gesessen habe und über diese Fragen und die Wirkmächtigkeit der hiesigen Herrschaftsarchitektur sinnierte, fiel mir eine Formulierung ein, die Gerhardt Polt in einem seiner genialen Stücke einem Arbeitnehmer in den Mund legte, der über ein unerfreuliches Gespräch mit einem Vorgesetzten monologisiert: „Der Ober sticht den Unter“. Wie wahr.

Und jetzt zu einem ganz anderen Thema:

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