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Was hat mich geritten?

Juli 26, 2013

Einleitung – Ich habe mir alle Nazipropagandafilme angeschaut deren ich habhaft werden konnte. Jud Süß, der ewige Jude, Kollberg, Hitlerjunge Quex, etc., auch alle Wochenschauen die im Internet verfügbar sind. Es dürften mehr als hundert Folgen gewesen sein. Ich habe mir alle Reden von Hitler, Himmler, Goebbels, Streicher, Ribbentrop, Rosenberg, Speer und die Reden diverser hochrangiger SS und Wehrmachts-Führer angehört, die damals routinemäßig für Schulungszwecke aufgezeichnet und auf Schallplatten gepresst wurden und auf einer australischen Internetseite verfügbar sind. Angenommen ich hätte mir jede Audiodatei, die ich auf einer extra dafür eingerichteten Festplatte gespeichert habe nur einmal angehört, ergibt das zusammen min. 14.000 Minuten Original-Nazisermon, den ich freiwillig konsumiert habe. Ich habe diverse Naziliteratur gelesen. Biografien, Autobiografien, Schulungsmaterial, Dienstanweisungen, „Mein Kampf“, Interviews, Programme, Zeugenaussagen, Romane, Tageszeitungen aus dem dritten Reich und militärische Lageberichte. Auch viele Verhörprotokolle, die während der Nürnberger Prozesse von den Alliierten angefertigt wurden. Die Reportagen aus dem deutschen und englischsprachigen Raum sind mir bekannt. Ich habe sie alle gesehen. Viele mehrfach. Die gängigen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Texte über den NS und seine Protagonisten, dürfte ich inzwischen gelesen haben. Ich finde in Buchhandlungen und Bibliotheken nur noch selten ein Werk, das ich noch nicht kenne. Die Erkenntnisse die ich dabei gewonnen habe, stehen in keinem vernünftigen Verhältnis zu Zeit und Kraft die ich inzwischen für die Wühlerei im Nazidreck aufgewandt habe. Schlimmer noch: In all den Jahren bin ich keiner bemerkenswerten Facette des NS teilhaftig geworden, die nicht längst von Historikern oder kritischen Theoretikerinnen und Theoretikern zusammengetragen, redlich bearbeitet, gedeutet und zugänglich gemacht worden wäre. Der NS und seine Epoche ist wohl das am umfangreichsten dokumentierte und beforschte „Phänomen“ der Menschheitsgeschichte. Ich hätte es mir also leichter machen können. Ich hätte z.B. D. Goldhagen und T. W. Adorno gelesen, mir sobibor und shoa angeschaut und wäre danach auf demselben Informationsstand, den ich noch vor wenigen Jahren nur mittels einer Auseinandersetzung mit den Primärquellen meinte erreichen zu können; nämlich auf dem jetzigen. Dass ich mich, entgegen aller selbst gemachten Erfahrungen, weiterhin in unverminderter Intensität und ohne die Anwendung einer neue Ergebnisse versprechenden wissenschaftlichen Methode oder inhaltlichen Zielsetzung mit dem NS auseinandersetze – mag diese Beschäftigung auch nur noch aus permanenten Wiederholungen bestehen – legt nahe, dass es mir im Unbewussten um mehr geht als um pure Erkenntnis. Ich scheine über die Jahre eine regelrechte Obsession entwickelt zu haben, die weit über das morbide Vergnügen an dem saturierten Gruselschauer hinausgeht, welches im Zuge des üblichen Konsumentenblickes auf die Nazibarbarei in den Hirnen der Artikelleserinnen und Reportagenschauer erzeugt  wird.

2 – Als ich ein kleiner Junge war, hatte ich sehr viel Angst vor Dunkelheit und dem Alleinsein in dunklen Räumen. Meine Phantasie bescherte mir Monster unter dem Bett, Unholde hinter jedem Baum und namenlose Gefahren und Ängste im Keller des Elternhauses. Ich hatte damals große Schwierigkeiten einzuschlafen und selbst im Schlaf litt ich unter regelmäßigen Alpträumen. Meine Schwester empfahl mir mich selber in ein Monster zu verwandeln, mich gleich zu machen, mit dem was mir Angst einflößte. Diese Technik funktionierte so gut, das ich mich von da an sogar absichtlich in Situationen begab, vor denen ich zuvor panische Angst gehabt hatte. Im Winter wenn die Tage kürzer wurden, lief ich grunzend und grimassierend durch den dunklen Wald und verspürte Allmacht und Unverletzbarkeit statt Angst. Selbst während der häufigen Alpträume die ich damals erlebte, konnte ich diese Technik anwenden. Mich schreckte nur noch wenig. Ich drängte die Angst in die Ecke, verfolgte sie regelrecht, denn ich wusste damals selbst während ich schlief, dass ich schlief.

3 – Mein Beispiel der eigenen „Monsterwerdung“ ist laut der Psychoanalytikerin Anna Freud ein harmloses Beispiel für eine frühe Identifikation mit der Person des Aggressors. Sie beschreibt in ihrer Arbeit Das Ich und die Abwehrmechanismen einen kleinen Jungen mit Gespensterangst. Dessen Geschichte gleicht der meinigen, einschließlich der Empfehlung der großen Schwester selber ein Geist zu werden (ich habe also eine prominente Zeugin im Rücken, wenn ich davon ausgehe, dass es sich bei meiner kindlichen „Monsterwerdung“ um eine frühe Identifizierung mit dem Aggressor handelte und unbekümmert mit meiner fragwürdigen laienpsychoanalytischen Spekulation fortfahre). Sein, bzw. mein Umgang mit der kindlichen Gespensterangst deutet sie als die normale Umgangsform eines Kindes, dessen Ich und ÜberIch noch unterentwickelt sind und bei dem die Übernahme des vermeintlich äußeren Gespenstes in das eigene Selbst i.d.R. deshalb keinen bleibenden Schaden anrichtet, weil die Gespensterangst mit der zunehmenden Wirkmächtigkeit des Realitätsprinzips im Ich gegenstandslos wird. Diese Identifizierung ist also nicht zwangsläufig pathologisch, sondern in den meisten Fällen ein temporärer Zustand der (früh-)kindlichen Ich-Konstituierung und nur in ihrer zwanghaften und die Umwelt irritierenden und das Leben des Kindes stark behindernden Ausprägung mit der Neurose verwandt. Es ist normal dass das frühkindliche Ich die Normen der Eltern übernimmt um das eigene ÜberIch anhand ihres Beispiels gegen das sich noch stark mit dem Ich überschneidende Es aufzurichten, um dieses mit all seinen drängenden Triebansprüchen unter Kontrolle zu bekommen.

In Anna Freuds Darstellung sind drei Ausprägungen (die sich selbstverständlich allesamt überschneiden können) dieser frühen Identifizierung mit der Person des Aggressors zu unterscheiden:

a. Identifizierung mit dem Aggressor, z.B. durch die mimetische Darstellung des Aggressors.

b. Identifizierung mit der Aggression, z.B. durch die haptische Nachempfindung der schmerzauslösenden Aktivität des Aggressors.

c. Identifizierung mit der imponierenden Eigenschaft und der Symbolik des Aggressors, z.B. durch die Übernahme der Uniformierung des Aggressors.

4 – Mitte der Achtziger Jahre war in dem Landstrich in dem ich aufgewachsen bin, eine rechtsradikale Hooliganszene aktiv, die es mit Straßengewalt und Randale zu bundesweiter Bekanntheit gebracht hatte. Die „Adlerfront“ und ihr kleineres Pendant das sog. „Presswerk“ kannte damals jeder. Diese unangenehmen Leute hatten im Nachbarort einem Türken einen sog. „Bordsteinkick“ verpasst. D.h. sie haben ihr Opfer dazu gezwungen in den Bordstein zu beißen und ihm dann ins Genick getreten. Bei richtiger Ausführung führt diese Technik dazu, dass dem Opfer ein Großteil der Zähne heraus gebrochen wird. Bei schlechter bzw. ungeschickter Ausführung stirbt das Opfer an einem Genickbruch. Ich war gerade eingeschult worden und hörte von dieser Gewalttat auf dem Pausenhof. Mit einem Lachen auf den Lippen und als Scherz wurde mir von einem älteren Mitschüler geraten „lass dich von denen  nicht erwischen“.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       Mit dieser ersten Ahnung von dem was Nazis so tun im Kopf, erlebte ich meinen ersten direkten Kontakt mit einem offensichtlichen Nazi. Auf einem Spielplatz in der Nachbarschaft, sprach mich ein älterer Herr an, während ich im Sandkasten spielte. Er teilte mir mit das ich aus Deutschland rausfliegen würde, sobald die Republikaner an die Macht kommen würden. „Eine Schande das so was wie du mit unseren weißen Kindern zusammen im Sandkasten spielen darf“. Ich lief verwirrt und verängstigt nachhause. Am Abendbrottisch ließ ich mir von meinen Eltern erklären was „Nazis“ sind.

Da war sie wieder, meine Angst, die sich nun zu einer regelrechten Panik vor einem nun im Wortsinne „realen Aggressor“ entwickelte. Ohne diesen Vorgang bewusst reflektieren zu können, begann ich mit dem notwendigen praktischen Vorlauf der seelischen Schutzfunktion der Identifizierung. Ich versuchte mich dem Aggressor anzunähern, so wie ich mich im Traum stets der personal oder apersonal vermittelten Angst näherte; den Ängsten geradezu hinterherlief und sie in die Ecke drängte. Ich tat was ich zuvor mit meinen Phantasiemonstern überaus wirkungsvoll eingeübt hatte. Ich versuchte die Nazis zu „verstehen“, bzw. ihren Willen nachzuvollziehen um in Zukunft im Voraus erraten zu können und um ihnen durch Angleichung und Imitation den Schrecken zu nehmen. Mein Vater – der mich fälschlicherweise für hochbegabt hielt und meine vermeintlich spontan einsetzende Beschäftigung mit den Nazis meiner üblichen Neugier zuordnete und mir deswegen wie üblich keine Information vorenthielt – half mir dabei. Er besorgte mir alle Bücher, nach denen ich im Zuge meiner Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und der von den Deutschen aus Antisemitismus und Rassenhass entfachten Hölle auf Erden verlangte. Spätestens mit dem Ende der zweiten Grundschulklasse, hatte ich die Tagebücher der Anne Frank, die Lebenserinnerungen der Warschauer Ghetto-Überlebenden Janina David und diverse andere dicke Bücher gelesen, deren Titel ich inzwischen vergessen habe, bei denen man aber mit Sicherheit davon ausgehen kann, dass sie einen Achtjährigen wie ich einer war, nicht nur intellektuell überfordern mussten. Meine Eltern machten sich seltsamerweise keine Sorgen, selbst nicht als die Bibliothekarin der Stadtbücherei anrief, weil ich, als schwarzer Junge im Grundschulalter, mich weigerte die Bibliothek zu verlassen, insofern ich nicht Hitlers „mein Kampf“ ausgeliehen bekäme.

 5 – Im Bezug auf Anna Freuds Modell der Identifizierung mit der Person des Aggressors und teilweise im Gegensatz zu diesem, betont der Psychoanalytiker Sandor Ferenczi den traumatischen Charakter einer solchen Identifizierung bzw. Introjektion, als generationsübergreifende innere Entfremdung die ihren Anfang und ihr Prinzip in der notwendigen Brechung des kindlichen Narzissmus durch die Eltern findet. Er deutet die  erste Übernahme des Äußeren in das eigene Selbst in ihrer Fortführung, hinaus über die frühkindliche Phase der ersten ÜberIch-Aufrichtung im Ich, als eine nachhaltige Beschädigung, als einen seelischen Grundstein zur Bereitschaft zum blinden Gehorsam und zur zwischenmenschlichen Aggression. Sandor Ferenczi: „…Kinder fühlen sich körperlich und moralisch hilflos, ihre Persönlichkeit ist zu wenig konsolidiert, um auch nur in Gedanken protestieren zu können… Doch dieselbe Angst, wenn sie einen Höhepunkt erreicht, zwingt sie automatisch, sich dem Willen des Angreifers unterzuordnen, jede seiner Wunschregungen zu erraten und zu befolgen, sich selber ganz zu vergessen, sich mit dem Angreifer vollauf zu identifizieren“.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Arno Gruen beschreibt in seinem Aufsatz Die politischen Konsequenzen der Identifikation mit dem Aggressor, den seelischen Vorgang dieser Entfremdung und die schon im Titel konstatierte gesamtgesellschaftliche Dimension anhand eines Erwachsenen, dessen Neurosen aus der von S. Ferenczi beschrieben Beschädigung in der Kindheit herrühren u.A. folgendermaßen:  „…Hier haben wir es mit einem Menschen zu tun, der nicht weitergeben wollte, was ihm angetan wurde. Trotzdem wirkte die Identifikation unbewusst in ihm weiter. Seine Reaktion auf das Schreien von Kindern war ja die Reaktion des Vaters auf ihn als Säugling. Seine Wut war die Wut seines Vaters. Dessen Hass hatte er völlig als seinen eigenen verinnerlicht…So wird das Eigene, wie auch die vom Vater übernommene Verurteilung seines Schmerzes, zum Fremden, um es dann außerhalb der Grenzen des eigenen Selbst zu bestrafen…Die Anfänge dieser Entfremdung liegen in der Kindheit. Das wird nirgendwo deutlicher als in dem Satz, den Hitler 1934 bei einer Rede der NS – Frauenschaft formulierte: „Jedes Kind ist eine Schlacht“ (S. Chamberlain, 1997). Damit drückte er in erschreckend klarer Weise aus, was in westlichen Kulturen auch heute noch oft als unumstößliche Wahrheit angesehen wird: Dass es eine natürliche Feindschaft gibt zwischen Säugling und Eltern. Im Kampf der so genannten Sozialisation muss das Kind dazu gebracht werden, sich dem Willen der Eltern zu unterwerfen. Das Kind muss daran gehindert werden, seinen eigenen Bedürfnissen und Genüssen nachzugehen. Der Konflikt ist unvermeidlich und er muss zum Wohle des Kindes unter Beharrlichkeit der Eltern gelöst werden…“.

6 – Weil der erste Aggressoren im Leben eines Menschen die entsagenden, sanktionierenden und strafenden Eltern darstellen und weil meine Eltern eine entschieden antirassistische Haltung an den Tag legten (meine Mutter hat mich das erste mal mit physischer Gewalt bestraft, als ich nach einer Schulhofkeilerei in der ersten Grundschulklasse den Kontrahenten einen „scheiss Türken“ nannte) und weil ich schwarz bin und mir dieser Umstand gerade in meiner Beschäftigung mit Rassenhass und Verfolgung als Teil eines bedrohlichen Realitätsprinzips immer bewusster werden musste, blieb mir eine weit reichende, offene Identifikation mit den Naziaggressoren versagt. Unter dem Druck des durch die Eltern vertretenen gesellschaftlichen Prinzips verschob ich meine diesbezüglichen Wünsche, introjizierte aber trotzdem einen Teil des Nazispuks, der sich schließlich als neurotische Handlungsmuster und von meinem bewussten Denken nicht beeinflussbar, auf der Oberfläche meines Ichs verschämt und geknebelt Platz verschaffen musste. Ich malte permanent Hakenkreuze auf das Schulpult und in meine Schulhefte. Diese deutlich als Zwangshandlung erkennbare und eng verwand mit der in Abschnitt 3. c. beschriebenen Identifizierung mit der Person des Aggressors durch die  Identifizierung mit der imponierenden Eigenschaft und der Symbolik des Aggressors Variante setzte ich solange fort, bis sie von meiner Lehrerin endgültig sanktioniert wurde. Sie rief meine Eltern an und zitierte mich ins Lehrerzimmer. Ich gab danach diesen Hakenkreuz-Schmierereien, gegen alle inneren und äußeren Widerstände Kontinuität, in der „antifaschistischen“ Variante durch das malen durchgestrichener Hakenkreuze. Zur gleichen Zeit fühlte ich mich das erste Mal verliebt. Ein Bild von Sophie Scholl hing über meinem Bett. Als Elfjähriger bin ich trotzdem ohne jegliche Angst in einen Naziladen marschiert um mir „Knobelbecher“ – die typischen mit Nägeln und Eisenbeschlägen bewährten Soldatenstiefel der SS und der Wehrmacht – zu kaufen, konnte sie mir aber von meinem knappen Taschengeld nicht leisten. In einer Phase zwischen meinem fünfzehnten und achtzehnten Lebensjahr, habe ich eine Reihe an Comics gemalt, in denen ich unverhohlen und mit allen Insignien der Nazis ausgestattet (eine der Insignien war u.A. mein selbst entworfenes Künstlerkürzel, das ich schon lange davor unter jede meiner Kinderkritzeleien zu setzen pflegte und das selbst schon ein abgewandeltes Hakenkreuz enthielt, abgebildet in den Fängen eines Reichsadlers auf einer Fahne prangte, die meine Truppen in diesen Comics steht’s vor sich her trugen!) als Diktator aufgetreten bin, der es sich aus Rache für Auschwitz zur Aufgabe gemacht hatte, alle nach dem zweiten Weltkrieg verbliebenen Deutschen zu vergasen (diese blutige Comicgeschichte verschob ich seltsamerweise in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Warum ich das tat, und wie ich das damals vor mir selbst begründete, darauf kann ich mir – wie bei so vielen Aspekten – heute keinen Reim mehr drauf machen). Ich war offensichtlich reichlich verwirrt. Mein Ich kam mit dem was mich trieb nicht zu Recht und die notwendige Niederhaltung dessen was nicht sein durfte, wird einiges an Kraft gekostet haben und das solange, bis ich endlich eine realitätsgerechte Lösung dieses Problems für mich gefunden hatte. Ich kann nur vermuten dass ich einen großer Teil dieser Niederhaltung und Bekämpfung des introjizierten Fremden, u.A. mittels eines auf die Nazis projizierten Selbsthasses in meiner jahrelangen Beschäftigung als „HaudraufAntifa“, ins Werk gesetzt habe. Der Teleskopschlagstock den ich damals nur allzu gerne geschwungen habe und das Pfefferspray und die anderen antifatypischen Utensilien, die ich noch bis vor wenige Jahre wie ein Relikt/eine Erinnerung an bessere Tage gehütet habe, wären nach dieser Lesart auch immer gegen mich selbst gerichtet gewesen.

Fazit – Wie kann ich nun den Bogen weiter nachvollziehen, der nur allzu offensichtlich vom Kampf zur Niederhaltung eines Teils meiner unbewussten Ängste in der Vergangenheit, zu meiner aktuellen, permanenten Beschäftigung mit den Nazis reicht? Ich kann es selbstverständlich nicht. Die aktuell wirksamen Verdrängungen, Projektionen, Sublimierungen und Strategien der Verleugnung, die sich mein unentwegt vorwärtsarbeitendes Ich zur Unterdrückung des Zu-Unterdrückenden hat einfallen lassen, bleiben mir genauso verborgen, wie z.B. das unverstellte Wesen meines ursprünglichen Wunsches nach dem Vatermord, zur Teilhabe am Geschlechtstrieb der Mutter. Eine Selbstanalyse ist einfach nicht möglich, weswegen dieser Text auch mehr etwas von einem psychoanalytisch motivierten Gedankenexperiment ohne jegliche Gewähr hat, als von einer wirklich theoretisch fundierten Annäherung an die Wirklichkeit meiner Nazibesessenheit.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Ich bin mir nach dieser kleinen Selbstbetrachtung aber trotzdem sicher, dass ein direkter Zusammenhang besteht; ein direkter Zusammenhang zwischen meiner ersten, kindlichen Angst vor Nazis und meiner inzwischen ausschließlich intellektuellen Beschäftigung mit den Nazis. Dafür gibt es einfach zu viele Indizien, die ich hier nicht nennen möchte, weil sie mir teilweise als zu privat, oder zu aufwendig und vertrakt in ihrer Darstellung erscheinen.

Da es mit der Selbstanalyse leider nicht klappen kann, nehme ich mir vor eine gründliche Psychoanalyse zu machen, sobald Geld und Zeit dies zulassen. Bis dahin lasse ich einfach mal die Finger weg vom Nazidreck, versuche mich mit etwas Erbaulicherem zu beschäftigen und überlasse Arno Gruen das letzte Wort:

„…Die Einsicht ist versperrt, weil wir den Terror und das Leid, denen wir ausgesetzt waren, verleugnen müssen. Diese Verschüttung der Quellen des Opferseins führt dazu, dass der Gehorsam immer wieder inszeniert und weitergetragen wird. Dabei ist das Perfide am Gehorsam seine eingebaute Sicherung: Gegen ihn zu verstoßen bedeutet, mit Schuld überladen zu sein… Wir müssen davon ausgehen, dass jeder, der in unserer Kultur aufgewachsen ist, die Entfremdung des Eigenen zu einem gewissen Grad erlebt hat. Es kann uns deshalb allen passieren, das wir einmal unser Inneres beiseite drängen… Der Versuch, Menschen in Kranke und Nicht-Kranke einzuteilen, ist zum Scheitern verurteilt, weil er die eigentliche Krankheit, die unser Opfersein hervorbringt, nicht berücksichtigt. Wenn aber diese Grundlage unserer Entwicklung ignoriert wird, muss unser Geschichtsbewusstsein ein unvollständiges sein. Das Vorhaben, die Geschichte des Menschen zu verstehen, wird so lange scheitern, wie wir nicht in der Lage sind, das Allgegenwärtige des Fremden in uns zu erkennen“.

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2 Kommentare

  1. Ein sehr guter Text!!!
    Weiß nicht wie lange es her ist, dass eine gelesene Lebensgeschichte mich so bewegt hat, denn auch ich habe sehr früh gewusst was Ausschwitz war (nicht ansatzweise so früh und so umfangreich wie der Autor) und je mehr man dem menschlichen auf die Spur kommen möchte, in dem man das barbarische Studiert, desto mehr stumpft man doch genau so einem verdammt schlüssigen und doch unglaubglichen und interessanten Text gegenüber ab.
    Danke


  2. Alter … verdammt guter Text! DAS ist antifa, wie ich sie lieber – nicht diese elende Phrasendrescherei. Meinen allerhöchsten Respekt!!!!!!



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