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Liebe Leute vom Faites votre jeu!…

Mai 22, 2013

…ihr wollt eine Broschüre über die bisher 5 jährige Geschichte eures AZs erarbeiten, um nach eigener Aussage1 die „…andauernde Auseinandersetzung um ein selbstverwaltetes Zentrum mit all ihren Gegensätzen und Widersprüchen…“ aufzuzeigen und im Zuge dieses Unterfangens „… die Gruppen und Leute zu Wort kommen lassen, die das Projekt auf unterschiedlichste Weise begleitet haben – ob kritisch, solidarisch oder gar ablehnend…“ und weil ich mit meinen „…scharfen Abrechnungen mit der „linken szene“ und ihren „Institutionen“, die auch immer wieder das FvJ-Plenum beschäftigten…“ mir  „…alles andere als nur Freunde gemacht“ habe, haltet ihr mich offensichtlich für einen geeigneten Broschüren-Artikel-Schreiberling und habt mich mit der Bitte um einen Text, der sich mit dem Faites votre jeu! auseinandersetzt gebeten und das mit dem folgenden, abschließenden Hinweis:  „Wir lassen uns gerne von Berichten, Erlebnissen, Kritik, Lob, Schimpf und Schande, Liebesliedern, Politischen Analysen, Stories und Anekdoten und was dir sonst so alles zu 5 Jahren »Faites votre jeu!« einfällt überraschen und möchten diese dann ohne redaktionelle Bearbeitung abdrucken.“.

Zunächst war ich empört und auch ein bisschen beleidigt. Ich hielt eure Anfrage für einen simpel zu durchschauenden Versuch, Kritik durch Integration zu entschärfen. Da ich mich aber schon seit Jahren nicht mehr kritisch zu eurem Projekt geäußert habe – u.A. aus dem einfach zu verstehenden Umstand heraus, dass ich überhaupt nicht mitbekomme was ihr in den letzten Jahren politisch getrieben habt und demzufolge auch nur schwerlich eine sinnvolle Kritik üben kann – kam mir dieser, mein Erklärungsversuch schnell nicht mehr plausibel vor. Wo nichts ist und wo vermutlich auch nichts mehr kommen wird, gibt es nämlich für Unkrautvernichterinnen und Szenehobbygärtner nichts auszujäten und präventiv unschädlich zu machen.

Ich war ratlos. Da ich niemanden aus eurem Plenum kenne, nicht einmal erahnen kann wer aktuell das Haus organisiert (!), die Diskussionen die in euren Kreisen geführt werden nicht verfolge und da ich mich auch nicht auf euren Barabenden und Partys herumtreibe um eventuellen Tratsch aufzuschnappen, habe ich keine Ahnung was ihr mit einem „kritischen“ Beitrag meinerseits anzufangen gedenkt. Es ist nur logisch dass in einem studentisch geprägten Projekt in 5 Jahren viele gehen und immer neue Gesichter dazukommen. Ich gehe deswegen davon aus, dass die dummen und gemeinen Menschen die in den Räumen eures Vorfeldprojektes JUZ Bockenheim versucht haben mich und andere mittels frei erfundener Sexismusvorwürfe, handfester Gewalt, diversen Gewaltandrohungen und Schauprozessen unmöglich zu machen, nicht mehr auf eurem Plenum verweilen und ihr inzwischen von dem damaligen Mißbenehmen eurer Altvorderen gehörigen Abstand nehmt. Ich habe mich also entschieden nur das Beste von euch zu denken und unterstelle euch demzufolge nur die besten Absichten2. Ich will einfach glauben das ihr wirklich so naiv seid und entgegen aller gemachten Erfahrung meint das ein Beitrag von mir in diesem Heft irgendeinen, dem allgemeinen geistigen Niedergang und dem allmächtigen Szenesumpf entgegenwirkenden Zweck erfüllen könnte und nicht einfach nur der Eingemeindung, d.h. Unschädlichmachung der von mir geäußerten Kritik. Deswegen mache ich zu eurer Bitte ein paar ebenso naive Anmerkungen, kurze Erläuterungen und stelle unvoreingenommene Fragen. Ganz so, wie es sich unter Menschen die sich nicht kennen und die noch keinerlei Argumente und Positionen ausgetauscht haben und die sich z.B. in der Kneipe oder der Bahn das erste mal gegenübersitzen und plaudern gehört.

Wenn ich alles richtig verstanden habe und wenn ich euren umfangreichen blog richtig gelesen habe, wurde das circa 100 Jahre alte Gefängnis im Frankfurter Klapperfeld in der Zeit des Nationalsozialismus von der Gestapo genutzt. Das bedeutet: In den selben Räumen, in denen ihr u.A. eure monatliche „Sushi-Bar“ abhaltet, haben die professionellen Mörder und Menschenjäger im Namen der deutschen Volkgemeinschaft Jüdinnen und Juden, Kommunistinnen und Kommunisten und viele Andere eingekerkert, drangsaliert, gefoltert und von dort aus in die KZ-Todesmaschinerie verschickt. Der Rechtsnachfolger, die Bundesrepublik Deutschland, hat das Gefängnis bis in die 2000er Jahre weiter betrieben, u.A. als Abschiebegefängnis.

Ich bin kein Experte in der Anwendung einer vernünftigen Moral und gerade in Anbetracht eurer offensichtlich ziemlich gründlichen und umfangreichen Geschichtsaufarbeitung rund um die Geschehnisse im Klapperfeld, fällt es mir schwer ein eindeutiges Urteil zu finden. Bei einem Punkt bin ich mir aber sicher: Eine Veranstaltung zu einem themenfremden Anlass, gar ein Konzert oder eine Party würde ich dort nicht organisieren wollen und eure immer wieder verwendete Formulierung „Faites votre jeu! – im ehemaligen Knast im Klapperfeld“ finde ich verlogen – in der Art wie das Werbefernsehen verlogen ist, sobald es darum geht dem Massenmensch diese oder jene billig produzierte Ware als einzigartige Delikatesse zu verkaufen. Eure Selbstbezeichnung müsste richtig lauten „Faite votre jeu – im ehemaligen Verlies der Gestapo… Punkkonzert im ehemaligen Abschiebeknast… Sushi-Bar in der Folterkammer… Kinoabend in den Räumen in denen andere zu Tode gemartert wurden…“, etc, pp., usw. Insofern es euch bei all euren Aktionen und Verlautbarungen auch wichtig ist beim Publikum keine schleichende Gewöhnung an das Unbegreifliche herbeizuführen, werdet ihr diesen Gedanken nachvollziehen können.

Bei all eurer fleißigen Aufarbeitung des multiplen Grauens das im Klapperfeld stattgefunden hat, bei all den aufwendigen Installationen, Videofilmen und Zeittafeln, drängt sich mir eine durchaus unironisch gemeinte Frage auf: Hat irgendwer für all die mühselige Arbeit Geld bekommen? Wurde diese Arbeit von professionellen Historikerinnen und Historikern, von ihren Hiwis und offiziell von der Universität geschickten Studierenden geleistet, oder wurde dies alles von „freiwillig“, unentgeltlich arbeitenden Menschen aus „reinem Idealismus“ bewerkstelligt? Den ersten Fall fände ich so weit unproblematisch – den letzteren äußerst unschön und im Falle des Zutreffens meiner schlimmsten Befürchtungen sogar verabscheuenswürdig. Ich kann mir nämlich nur schwer vorstellen das die Verhältnisse in der Historikerzunft gänzlich andersartig bestellt sind, als z.B. in der Kunst, wo eine unter dem Deckmantel der linken Politik, gar der „Revolution“ betriebene Kulturtätigkeit (illegale Technopartys, Kunstausstellungen, Raves, etc.) – letztlich und nach einigen Jahren der Selbstaufopferung – immer nur zur Verbesserung des Lebenslaufs taugt. Vom illegale Partys organisierenden Technorebellen und „antideutschen“ DJ zum Clubbetreiber. Von der engagierten Künstlerin, die für UmsGanze „antinationale Kunst“ macht und sich ganz nebenbei auf diesem Wege eine bessere Position innerhalb ihres linksuniversitären Netwerkes und „einen Namen“ verschafft, zur erfolgreichen  Propagandistin der Kulturindustrie. Vom linksradikalen Geschichtsstudenten, zum staatstragenden Geschichtsaufarbeiter im Dienste der verkommenen Gedächtnisindustrie im Geiste Guido Knopps. Fragt euch doch mal selber, wer aus welcher zugrunde liegenden Motivation heraus Überlebende befragt, die Archive durchforstet, und Schautafeln erstellt3. Ich zumindest bin nach vielen menschlichen Enttäuschungen misstrauisch geworden, wenn Studierende, die in einem, mit ihrer eigenen linksradikalen Tätigkeit assoziierten Studienfach eingeschrieben sind, allzu aktivistisch daherkommen und die politische Multifunktionärin oder den Multifunktionär geben.

Herkömmlicher, sich als „politische Lebenseinstellung“ tarnender Karrierismus ist seit einigen Jahren die Regel und für vernünftige Leute seit langem nicht weiter bemerkenswert – außer das man sich die Karrieristinnen und Karrieristen, sobald sie erkannt sind dringend vom Hals schaffen muss, will man sich nicht ungewollt zum Handlanger und Steigbügelhalter der Joschka Fischers von morgen machen. Im Falle geführter Interviews mit Überlebenden des Naziterrors, wäre eine (vllt. sogar unbewusste) Vorspielung falscher Tatsachen zu peinlich, erst Recht wenn man permanent vorgibt eigentlich gegen diejenigen gesellschaftlichen Verhältnisse zu arbeiten, die ein Foltergefängnis wie es das Klapperfeld jahrzehntelang darstellte überhaupt erst ermöglichten.

Soviel zu meinen unvollständigen, kritischen Anmerkungen und Gedanken zur Geschichtsaufarbeitung rund ums Klapperfeld.

Das Menschen aus meiner politischen Ecke die Form eurer Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Terror für eine inzwischen staatstragende, und damit für reichlich nutzlos halten, dürfte euch klar sein. Die restlichen Argumente gegen euer Projekt, die ich in der Lage wäre aufzuschreiben, kennt ihr alle schon. Sie wurden mit Sicherheit schon von Anderen zu Genüge aufgeführt und ihr werdet sie euch gegenseitig besser aufsagen können, als ich es jemals könnte. Wenn ihr denkt ich wärme sechs Jahre alte Szeneanekdoten aus dem JUZ-Bockenheim wieder auf, um alte Rechnungen zu begleichen und langweile mich damit selber, habt ihr euch leider in mir getäuscht. Die alten Texte zur Antifa-F-Bande habe ich lange aus dem Net genommen und ich kann lediglich mit einem uralten Link zur Sinistra dienen, insofern euch der Sinn nach Aufarbeitung der eigenen Geschichte steht:  http://sinistra.copyriot.com/?p=26.

Ich bin der Falsche, um für eure Broschüre eine Kritik am linksradikal bespielten Gestapogefängnis aufzuschreiben. Ich werde das zu erwartende linksstudentische Texteinerlei nicht mit der mir peinlicherweise zugeschriebenen „authentischen Originalität“ aufpeppen. Ihr werdet euch einen anderen Kritiker, oder eine andere Kritikerin suchen müssen, die bereit ist sich zwischen den Autorinnen der Swing und den Schreiberlingen von UmsGanze einhegen zu lassen. Ich habe mich in den letzten Jahren nicht für euren Laden interessiert, halte ihn für absolut irrelevant und demzufolge eine Kritik an selbigem für ebenso irrelevant. Die wirkliche Bewegung zum Communismus wird nämlich an allen möglichen Orten beginnen, aber ganz bestimmt nicht im Frankfurter Klapperfeld. Ich weiß noch nicht wo (wenn ich es herausgefunden habe verrate ich es euch bestimmt!), aber ich weiß dass ich diese Bewegung nicht auf euren Sonntagsbastelfrühstücken, DoItYourself-Workshops, Frauenbarabenden, Kunstausstellungen, Punkkonzerten und Sushi-Bars zu suchen brauche. Wer diesen einfach zu begreifenden Umstand nach all den Texten, Flugblättern und Redebeiträgen von antideutscher Seite her noch nicht mitbekommen hat, dem kann ich auch mit dem 101sten Text nicht auf die Sprünge helfen.

In diesem Sinne, noch eine letzte Anmerkung: Ob ihr es glaubt oder nicht, ich bin der Meinung das man auch ohne die Lektüre von Karl Marx und Theodor Wiesengrund Adorno etwas sinnvolles, d.h. diesen Verhältnissen diametral zuwiderlaufendes auf die Beine stellen kann. Z.B. die Flüchtlingsinitiativen, die in den letzten Monaten wirkmächtig gegen die unmenschlichen Lebensbedingungen in den Lagern zu protestieren wussten, benötigen jederzeit Geld (und viel weniger gut gemeinte Ratschläge, symbolische Solidaritätsaktionen, oder mit flotten Sprüchen bemalte Transparente!). Spart euch also den zu erwartenden dummen Gesichtsausdruck und die peinlichen Ausreden und spendet die Geldwertzeichen, die ihr ursprünglich für eure selbstreferentielle und mehr als überflüssige Broschüre verausgaben wolltet an:

Streitberger Refugee-Congress
Institut: Sparkasse Regensburg
BLZ: 750 500 00
Konto-Nr.: 26479584

IBAN: DE 417505 00 00 00 2647 9584

BIC: BYLADEM 1 RBG

1. Alle durch eine kursive Schreibweise hervor gehobenen Textpassagen entstammen einer Email die mir das Plenum des Faites votre jeu! kürzlich zusandte.

2. Gründe um Schlechtes von euch zu vermuten, gibt es ausreichend. Die Linkliste auf eurem blog und meine Erfahrungen mit der Szene in FFM reichen aus, um davon auszugehen das es sich bei eurem Plenumsteam um die altbekannte Ansammlung irgendwie Linksradikaler handelt, die traditionell mit ihrer Freizeit nichts besseres anzufangen weiß, als die Organisation einer sich alternativ gebenden Variante des schon Bestehenden. In diesem Fall wäre die übliche Denunziation angebracht. Wie ich es zunächst vorhatte, würde ich eure Email komplett auf meinem blog veröffentlichen und mit einigen theoretisierenden Anmerkungen und in einem spöttischen Ton kommentieren. Das gäbe billige Credits bei „den Antideutschen“, einen kleinen Skandal unter Linksradikalen und würde mein Image als Unikum und Szeneschreck weiter stützen. Das hatten wir aber schon mehrfach und ich langweile zuvorderst mich selbst mit der Exekution des Immergleichen. Lernen würde dabei auch niemand etwas. Die notwendigen Abwehrtechniken und Standardformeln sind ausreichend erprobt und einstudiert und keine Sau in FFM ließe den gefährlichen linken Unsinn bleiben, nur weil ich zum xten Male mit den gleichen Moves und inhaltlichen Punkten auf das allzu Offensichtliche hinzuweisen versuche. Lassen wir das also diesmal.

3. Bitte erinnert euch daran das ich euch nicht persönlich kenne und demzufolge auch keine konkrete Person vor Augen habe, während ich mein spontanes Unbehagen beim betrachten der professionell erstellten und sich durchweg gesellschaftskritisch gebenden Ausstellung beschreibe. Dieser Absatz ist nicht als Anschuldigung, sondern als ehrliche, nicht rethorische Frage formuliert! 

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2 Kommentare

  1. tja, fehlt wohl der feelgood faktor im vergleich zum ivi oder?


  2. Wo du in der Sperrmüllansammlung die das IvI bedeutete einen „Feelgood Faktor“ endeckst, ist mir schleierhaft.



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