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Ewiger Hass

April 1, 2013

Nennen wir ihn Michael (seine Freunde nennen ihn „Mischa“). Michael ist 187cm groß und 87 Kilogramm schwer. Er hat blaue Augen und dunkelblondes Haar, das er oft mit ein wenig Gel zu Spikes formt. Meistens trägt er einen Dreitagebart. Über seinem blauen Oberhemd (Zara, 69,90 Euro) und seiner abgewetzten Diesel-Jeans (second Hand, 30 Euro) trägt er einen schwarzen Dreiviertel-Swinger aus echter Baumwolle (Peek&Cloppenburg, 249,90 Euro), den er bei empfindlicher Kälte bis oben zuknöpft und ansonsten modebewusst offen trägt. Seit Jahren kauft er nur noch schwarze Lederhalbschuhe – Sportschuhe trägt er ausschließlich während des Trainings. Wenn er abends mit seinen Freunden auf eine Party geht, tauscht er die Brille gerne gegen Kontaktlinsen ein.
Michael ist ein cooler Typ. Sein Umgangston im Büro ist lässig. Die Arbeitskollegen schätzen seine Zuverlässigkeit und Loyalität. Wenn er einen Fall zu bearbeiten hat, „hängt er sich rein“ und wälzt die anstehende Arbeit nicht auf andere ab. Er kann sich die Geburtstage aller Sekretärinnen und Bürohelfer merken und legt sich auch manchmal mit den Obersten an, wenn es darum geht einen Mitarbeiter zu verteidigen.
Michael ist sportlich. Jedes zweite Wochenende geht er in die Kletterhalle zum „bouldern“. In der Fußballmannschaft seines Heimatortes war er Torwart. Seit zwei Jahren spielt er als linker Stürmer in der firmeneigenen Mannschaft. Das oberste Fach seines Regals im Büro ist angefüllt mit diversen Sporttrophäen. Seit Kurzem träumt er davon mit seinem Freund die Eiger Nordwand zu besteigen.
Michael ist attraktiv. Mit Frauen hat er nie große Probleme gehabt. „Die umkreisen ihn wie die Fliegen die Scheisse“, pflegt Thomas zu sagen (Er und sein Freund aus alten Grundschultagen sind seit zwei Monaten sog. „Lochschwager“). Wirklich Herumtreiben und durch-die-Betten-schlafen tut er sich aber nicht. Höchstens ungeplant und wenn er total betrunken ist.
Seit drei Jahren sind Nicole und er ein Paar. Die beiden wollen jetzt zusammenzuziehen. Er ist 27 Jahre alt und hat studiert und arbeitet in einer mittleren Stellung mit guten Aufstiegschancen und er sieht auch aus wie ein 27 jähriger Mann der studiert hat und in einer mittleren Stellung mit guten Aufstiegschancen arbeitet.

Gerade steht Michael fünf Meter von mir entfernt in einem Club. Es läuft Funk. Mit zwei Arbeitskollegen und seiner Freundin trinkt er einige Schnäpse. Obwohl der Raum nur zu einem knappen Viertel gefüllt ist und sich nur zwei einsame Kunststudentinnen gelangweilt auf der Tanzfläche drehen, ist die Gruppe offensichtlich bester Dinge. Sie scherzen laut und lachen und bestellen an der Bar Bier aus Glasflaschen. Mit geübtem Schritt und einem rhythmischen Hüftschwung umkreist Michael seine Freundin. Er fordert sie zum Tanz auf. Sie ziert sich zunächst, willigt aber doch ein, nach ein paar stürmisch auf den Mund gepressten Küssen von Michael. Sie bewegen sich so elegant und im passenden Takt, dass ich dazu veranlasst bin zu vermuten dass sie die sicher gesetzten Tanzschritte in einer Tanzschule, oder bei einem freiwilligen Vorbereitungskurs für den Abi-Ball gelernt haben. Nach wenigen Minuten scheint es der Freundin jedoch zu reichen. Sie löst sich aus der Kavaliers-Umarmung ihres Freundes und setzt sich einige Meter abseits an einen Tisch, zieht eine Zigarettenschachtel und ein Feuerzeug aus der Handtasche – ohne sich jedoch eine Zigarette anzuzünden – legt beides vor sich auf den Tisch und guckt beleidigt. Er folgt ihr, zerrt an ihrem Arm und tönt „Mach doch nicht so schnell schlapp“. Sie wehrt sich erfolgreich, windet sich aus seinem Griff und hinter ihrer Brille blitzt kurz die Wut auf, während sie hektisch beginnt in das Ohr ihres Freundes zu zischeln. Offensichtlich schämt sie sich für ihn. Sich in dem kleinen, fast leeren Raum auf diese Weise vor den anderen Clubgästen zu exponieren, ist nicht ihre Art. Erst recht nicht wenn seine feixenden Arbeitskollegen dabeistehen. Nach einem kurzen Streitgespräch – von dessen Wortlaut ich nichts mitbekomme – verlassen die beiden den Raum.

Dieser selbstgefällig-rotbackige Habitus der auf dem Dorf sozialisierten, MitdenJungsamWochenendedieSauRauslassenden, freiwilligen Feuerwehrmänner und diese unbeirrbare Selbstgewissheit Derjenigen die instinktiv wissen dass diese Verhältnisse (wenn überhaupt für irgendjemanden dann-) für sie gemacht wurden, bringt mich in Rage. Solche Typen, die mit jovialem Blick anerkennend die neue Armbanduhr des Chefs kommentieren – nur damit der die Gelegenheit bekommt das Folgende zu sagen: „Sehen sie Herr Schnittler, vom Michael können sie sich noch eine Scheibe abschneiden, der Mann ist immer aufmerksam und hellwach“ – bedeuten nur Unglück. Die bekommen vom Kreisvorsitzenden XY die Urkunde mitsamt Stempel überreicht und gehen allabendlich mit der Gewissheit nachhause, ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu sein. Die werden nicht von Zweifeln geplagt. Die haben weder sinnvolle, noch sinnlose Schuldgefühle. Die wälzen sich nicht schlaflos und gedankenverloren im Bett weil sie glauben in dieser Gesellschaft unrettbar gefangen und zu sinnlosem Mitmachen gezwungen zu sein. Die trinken kein Dosenbier aus der Dose, weil sie den ganzen Quatsch nüchtern einfach nicht mehr aushalten. Nein! Die trinken ihr Fassbier aus dem Glas, in fröhlicher, generationsübergreifender Runde und nutzen ihre angetrunkene Courage um danach eine Prostituierte im 100 Kilometer entfernten Bordell auf 28 Euro herunterzuhandeln, oder um irgendwo an der Rampe Dampf abzulassen. Die fahren sobald sie volljährig sind mit dem tiefer gelegten Golf, ein paar Junggesellenjahre lang mit einem geleasten Benz und – „wenn der glücklichste Moment im Leben eines jeden Mannes gekommen ist“ und ihre Nicole, oder ihre Melanie, oder ihre Doris, oder irgendeine andere, ebenso widerliche Frau „etwas kleines unter dem Herzen trägt“ – mit der Familienkutsche vor und fragen nicht lange und packen an, tun was getan werden muss, anstatt dumm herumzureden und Maulaffen feil zu halten, oder den Kopf in den Sand zu stecken. Mehrheitsgesellschaftsmänner = Herrenmenschen. Werde ich solcher Exemplare unfreiwillig angesichtig, kommt mir immer wieder ein Satz von Heinrich Himmler in den Sinn, welchen ich mir aus unbedingt zu unterscheidenden Gründen gemerkt habe: „Ewiglich währt der Hass des Untermenschen auf das Gute, das Reine, das Schöne und deshalb Siegreiche“.

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3 Kommentare

  1. The biggest cause of trouble in the world today is that the stupid people are so sure about things and the intelligent folks are so full of doubts. (Bertrand Russell)


  2. Kannst Du mir bitte sagen, von wo das letzte Zitat HHs stammt? Danke


    • Kann ich leider nicht. Ich habe das Zitat aus einer der Reden die auf Neuschwabenland-Archiv (findest du in der Seitenleiste) zu finden sind. Leider sind das gefühlte 100 Stunden. Sorry.



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