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Gedankenrobinson bekifft am Kiosk nebenan

Dezember 5, 2012

…die Kapitalseele jedoch, spricht aus dem Kapitalisten, wenn er in wohlfeilen Worten und mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit den Umstand täglich verrichteter Kinderarbeit im Sinne des Maximalprofits seines Unternehmens, z.B. in Südostasien zu verschleiern sucht. Die Seele des im Sinne dieser Kapitalfraktion agierenden Staates, spricht aus dem Polizisten, wenn der ebenso mitleidlos mit Holzstöcken auf den Proleten eindrischt, weil der sich gegen die blutige Vernutzung seines Nachwuchses wehrt. Wie im Fall des Kapitalisten und seinem Handlanger dem Polizisten, spricht die Seele dieser vom Primat der Kapitalakkumulation geprägten Verhältnisse aus der proletarisierten Menschheit, deren Lebensbedürfnisse permanent zur Disposition stehen, während um den sprichwörtlich letzten Wurstzipfel bis zum Tode gekämpft werden muss…
…der Mensch ist nicht schlecht, wie selbst die bürgerliche Gehirnforschung nahe legt (Vgl. Franz Waal, „Primaten und Philosophen / Wie die Evolution die Moral hervorbrachte“), sondern das Gegenteil ist der Fall. Der nicht sadistische, sich in einer ruhigen Gemütsverfassung befindliche, empirisch ermittelbare Mensch bekommt z.B. krankmachende Stresshormone ausgeschüttet, sobald er andere Säugetiere und erst recht Menschen leiden sieht. Selbst unter der Knute des herrschenden Kapitalverhältnisses, wo er, der Mensch, permanent zur äußersten Konkurrenz, zur Rücksichtslosigkeit, zum Wegsehen und zum dafür notwendigen Denken in unvernünftigen Kategorien angehalten wird…
…leidet der Mensch, leiden andere Menschen, haben andere Menschen Mitleid…
…die meisten KZ-Wächter benötigten zunächst einen Glauben, eine massenwirksame Ideologie, oder wenigstens ein brutalisiert- verschrobenes Weltbild, dass ihnen ermöglichte über das eigene, zunächst natürliche und unmittelbare Empfinden des Mitgefühls hinwegzusehen. Aus ihnen mussten die dunkelsten Winkel der grausamen Weltseele sprechen, oder sie mussten – wie bei einer absoluten Minderheit durchaus der Fall – pathologisch Getriebene sein, deren Freude aus der Qual anderer entspringt, damit sie die angetragenen Aufgaben selbsttätig verrichten konnten (Vgl. Rudolf Hößs Autobiographie, „Kommandant in Auschwitz“)….
…rührt her aus einer zum Überleben bitter notwendigen Anpassung an die gesellschaftlich bedingte zweite Natur, einer prinzipiell unvernünftig und widrig organisierten Lebenswelt. Das landläufige Gerede, welches besagt der Mensch sei einfach nur schlecht, gierig, rücksichtslos, quasi ein Primat und nur auf seinen Vorteil bedacht, ist eine bloße Alltagsideologie die diese zum Überleben notwendigen Skills zur ersten Natur des Menschen erklärt, um immer so weiter machen zu können wie bisher…

…So denke ich vor mich hin, sinniere und bastle in meinem Kopf am nächsten Blogartikel und weiß doch nicht einmal worauf ich mit diesem Text hinaus will, während ich die Strasse entlang, im Regen durch Frankfurt laufe. Ich muss zum Kiosk um Tabak und etwas zu trinken zu besorgen.
Ich betrete den Kiosk, grüße den mir wohlbekannten Mann hinter der Theke und greife eine Dose Cola aus dem Kühlschrank und stelle mich an die Kasse. Der ansonsten sehr freundliche Kioskbesitzer guckt mich böse an. Er starrt auf meinen Emaille-Anstecker, auf dem eine israelische Fahne, die sich mit einer US-amerikanischen Fahne kreuzt zu sehen ist (ich habe den Anstecker drei Tage zuvor wegen dem aktuell stattfindenden Konflikt zwischen Hamas und der IDF aus der Schublade gekramt und an die Brusttasche meiner Jacke geheftet). Offensichtlich provoziert durch dieses Kleinod, teilt er mir ungefragt seine Meinung zum Thema mit: „Die amerikanische Fahne ist ja ok, ich liebe amerikanisches FastFood das ganze drum und dran mit den fetten Autos und so, aber die israelische Fahne ist scheisse. Du bist doch etwa kein Jude oder?“. Ich verneine das Gefragte und versuche mich durch schnelles Bezahlen und einen Rückwärtschritt in Richtung Ausgang aus der Affäre zu ziehen. Er schwadroniert weiter und die mir anerzogene Höflichkeit hält mich in seinem kleinen Laden. „Was die Israelis gerade in Palästina abziehen, das finde ich gar nicht ok“. Ich antworte. In aufgezwungenen adhoc-Diskussionen bin ich nicht besonders gut und ich stocke. „Ja aber die Raketen, die Hamas schießt seit Wochen Raketen auf Israel. Du glaubst doch nicht das eine Regierung bei einer solchen Bedrohung zuschauen kann ohne zu handeln. Immerhin sind bisher nur 36 Palästinenser umgekommen…“. Ich komme nicht zum Ende meiner Argumentation, da unterbricht er mich schon durch ein lautes Lachen. „Hahahaha… du glaubst doch wohl nicht das was du im Fernsehen siehst? Das ist alles Propaganda. Ich sage dir, die Palästinenser haben noch nie eine Rakete nach Israel geschossen. Das ist alles gestellt, im Studio. Das sind nur Propagandabilder. Der Mossad macht so was schon seit Jahren. Weißt du wie viele Palästinenser seit dem Beginn des Kampfes gestorben sind?“. Auf so viel Quatsch war ich nicht gefasst. Eigentlich mag ich diesen permanent bekifften Türkenkerl, der mir normalerweise immer nur Tipps zur Bartpflege gibt. Ich stammele und habe keine Antwort. „Nein, weiß ich nicht?“. „360 sind gestorben und das in einer Woche“. Er guckt überlegen, als hätte er gerade etwas besonders kluges gesagt und stockt seine straight kohärente Argumentation noch um einen Punkt auf. „Hast du schon einmal von der Mauer gehört die Israel um Palästina gebaut hat?“. Ich bejahe. „Glaubst du die Hamas bekommt da auch nur eine Rakete drübergeschossen? Dazu ist die Mauer doch viel zu hoch, dazu haben die Israelis doch die Mauer gebaut, damit da nix mehr rein und nix mehr raus kommt!“.
Peng. Da hat er es mir gegeben. Ich bin argumentativ überrumpelt und ich muss mich mittels einer Lüge von bald beginnender Lohnarbeit aus der Affäre ziehen.

Auf der Strasse stehend wird mir klar: Der Text den ich mir vorher zusammengedacht habe, dass war Blödsinn. Quatsch. Der Mensch als prinzipiell mitleids- und kooperationsfähiges Wesen… so ein Bullshit! Worte, über die nachzudenken vielleicht zu Marxens Zeiten noch sinnvoll gewesen wäre. Jetzt, in der postmodernen Ära des Spätkapitalismus, nach der Shoa und unter dem Eindruck permanent stattfindender, anderer Wahnsinnsschlächtereien für Nichts und wieder Nichts und nur für den Tod, ist der westliche Mensch nur noch ein armer Halbirrer, nicht einmal mehr fähig zur Reproduktion einer geschlossenen Ideologie. Copy and paste und PitschPatschi im Hirnkasten. Da hat der eine Gedanke sich längst vom anschließenden verabschiedet und beide sind sich spinnefeind. Die ganze Gedankenwelt derjenigen Zeitgenossen, die eigentlich genug Zeit zum halbwegs konsistenten Denken haben müssten, besteht in den meisten Fällen nur noch aus einer losen Ansammlung vereinzelter Gedankenmonaden- und Robinsons, die allesamt auf ihrer eigenen Insel hausen, für keinen sinnvollen Handschlag mehr zu gebrauchen sind und lediglich trübe und auf das Ende wartend vor sich hinsichen. Nur noch bei entsprechender Triggerung werden sie aktiviert und kommen aus ihrer Hütte hervor um – selbstverständlich ohne dafür irgendwie entlohnt zu werden – den folkloristischen Pausenclown für zufällig anwesende Pauschaltouristen wie ich einer bin zu geben. Bei den meisten Leuten wundere ich mich dass sie es noch schaffen ihre Schuhe zuzubinden, bevor sie morgens das Haus verlassen.
Die ganzen geschraubten Sätze und meine schlecht-ideologiekritischen Versuche, die ich auf meinem Spaziergang zuvor angestellt habe, kann ich mir an die Backe schmieren. Der Mensch ist vllt. nicht schlecht, aber er ist in den meisten Fällen ein unmündig vor sich hinbrabbelnder Volldepp. Eine Gefahr für sich selbst und für seine Umgebung.

In Zukunft nur noch Erzählerisches und Gepöbelperlen vor die Säue.

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4 Kommentare

  1. Da gäbe es arg viel dazu zu sagen. Nur wenig davon jetzt und hier:

    Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Das gilt leider durch die fortschreitende Neoliberalisierung allenthalben nach wie vor und wieder immer mehr. Seit die finanzielle=gesellschaftliche Fallhöhe für Jedermann bei ALG2 und der 100%-Sanktion liegt, und auch dadurch bedingt, legt eben dieser Jedermann so gut er kann Scheuklappen an, redet sich ein, er mache nur seinen Job, er muss ja sich/seine Familie/seinen Banksachbearbeiter ernähren.
    Kooperation, Solidarität etc. sind neoliberal unerwünscht und werden systematisch aberzogen und diffamiert.

    Divide et impera. Ebenso immer noch gültig. Ein Volk in Angst ist ein Volk das sich einfach regieren lässt (dazu zählt auch die Angst vor dem sozialen=gesellschaftlichen Abstieg, s.o.). Stigmatisieren, gegeneinander aufhetzen, keine Gruppenbildung zulassen, kleinhalten, auseinanderprügeln.

    Dazu kommt: Wahrheit gibt es nicht mehr. Es ist unmöglich, durch wie auch immer geartete Medien zu einem umfassenden Bild zu kommen. Von überall her bekommt man nur einen stark verfärbten Eindruck, hyperpolarisiert, es ist einfach nicht mehr möglich, dazu durchzudringen, was wirklich passiert – es sei denn, man hätte die Zeit und die Mittel, überall selbst hinzureisen und mit allen selbst zu sprechen. Logisch, dass das mit Menschen Mitteln und Lebenszeit nicht funktionieren kann.


  2. Der Verwertungstrieb = die Kapitalseele spricht nicht unmittelbar in der Rechtfertigung oder Verschleierung ihrer Durchführung. Wenn die Kapitalseele durch den Kapitalisten direkt zur Sprache kommt, dann beginnen die Sätze z.B. mit „Mal ganz ehrlich“ oder enden mit „ich steh‘ dazu“.


  3. …sorry hat gar nix mit deinem (sehr guten Text) Beitrag zu tun aber…ich bin aus den Staaten u. kannte Floppy mal sehr gut. Ich habe über umwege diese schreckliche Nachricht erfahren und wollte dann danach suchen. Ich kam auf einen Text von dir der zwar in der Google Suche auftaucht, sich aber nicht öffnen lässt. Kannst du mir/oder generell mitteilen was hier passiert is und was da los war ? Ich habe nur Bruchstücke und wegen Distanz keine chance mehr zu erfahren…es wäre mehr als nett.


  4. Lynn. Ich schicke dir den von mir aus verschiedenen Gründen gelöschten Text als Mail zu. Dann weisst du bescheid.



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