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Thema des Tages: Antirassismus

September 27, 2012

(Heute mal mit ganz viel direkter Rede und subjektiven Empfindungen, Meinungen und belanglosen Anekdötchen. Garantiert ungetrübt von irgendwelchen theoretischen Einsichten die ich dem Publikum mitzuteilen hätte. Direkt aus dem Bauch, frei von der Leber weg und ohne ein sinnvolles Fazit. Ganz so wie es in antirassistischen Kreisen Gang und Gebe zu sein scheint)Meine Hautfarbe war mir immer dann unangenehm, wenn mir meine Umwelt zu spüren gegeben hat dass ich anders bin, dass an mir irgend etwas ist, dass mich von den anderen unterscheidet, dass ich nicht dazugehöre zur weißen Mehrheitsgesellschaft und dass ich daran auch nichts ändern kann. Das erste mal ist mir das bewusst geworden als mir ein offensichtlich xenophober alter Mann auf dem Spielplatz mitgeteilt hat dass ich „rausfliege aus Deutschland wenn die Republikaner an der Macht sind“. Ich dürfte damals sechs Jahre alt gewesen sein und war reichlich irritiert (ich hatte bis dahin tatsächlich noch nicht die Gelegenheit festzustellen, das ich ANDERS bin als die Kinder z.B. im Kindergarten). Rassistische Anfeindungen gab es in den folgenden Jahren zuhauf und jeder Schwarze der in Deutschland aufgewachsen ist, dürfte diese Probleme zumindes in Ansätzen kennen. „Negerkuss, Bimbo, Schuhputzer…„- Beschimpfungen in der Grundschule und entsprechende, durchaus auch handgreifliche Probleme in den darauffolgenden Jahren. Solange bis ich endlich alt genug war um mir die Subkulturen, bzw. den Kreis der Menschen mit denen ich mich umgebe selber auszusuchen. Das war schön, allerdings nur insofern, als dass ich dort zwar nicht angefeindet worden bin, aber trotzdem auch in der selbst gewählten Umgebung immer noch permanent auf den unterschiedlichsten Wegen mitgeteilt bekommen habe, dass an mir etwas ANDERS ist als an den Meisten anderen. Nur eben in der positivrassistischen Variante. Ich war der „SCHWARZE Metaller“, der „SCHWARZE Punk“, der „SCHWARZE Gothic“, der „SCHWARZE Skinhead“ etc. und immer erst danach derjenige der dies und jenes tut und auch eventuell als Individuum Verschiedenes zu sagen hat. Ich glaube für manche Leute war ich überhaupt nur deswegen interessant, weil ich schwarz bin. Mich im Freundeskreis zu haben, zählte in meiner linksalternativen Umgebung sicherlich mehr als einmal als Beleg für eine besonders antirassistische Gesinnung. Ob jetzt jemand meine Hautfarbe im Vorbeigehen mit einem abfälligen „Drecksnigger“ kommentierte, oder ob mir jemand begeistert zurief „endlich lerne ich mal einen SCHWARZEN Punk kennen“, die Information die in beiden Varianten bis zu mir durchdrang ist: Ich bin ANDERS. Auf jedem Fall SCHWARZ.

Es gibt einige wichtige Gründe warum ich in eine Grosstadt gezogen bin. Der Umstand dass in Frankfurt a.M. viele Schwarze leben und ich mit meiner Hautfarbe ein selbstverständlicher Teil des Stadtbildes bin, war auf jedem Fall einer davon. Und es ist so: Außer den Bullen, geht den Leuten meine Hautfarbe am Arsch vorbei. Melting pod at it best and i am everybody! Wenn es mir beliebt, muss ich tagelang gar keine Biodeutschen (außer die Junkies auf dem Drogenstrich bei mir um die Ecke) mehr betrachten. Währe da nicht die Staatsmacht, die alle paar Wochen immer noch meint sie müsste mich am Bahnhof auf meinen gültigen deutschen Pass hin überprüfen, ich könnte glatt vergessen dass zwischen mir und der Mehrheit in diesem Land ein offensichtlich nach wie vor relevanter Unterschied besteht. Manchmal komme ich sogar in Zweifel und überlege mir ob die Probleme die ich früher meinte mit meiner Hautfarbe gehabt zu haben, sich wirklich nur an der Hautfarbe enzündet haben, oder ob es vielleicht auch z.T. an meiner (Punker, Gothic, Metaller, Skinhead… aber nicht HipHop oder Basketball-) Kleidung lag. Liegt es vielleicht auch an der Zeit und die Menschen sind inzwischen mehr an Schwarze gewöhnt (Werbung, Obama, TV und Musik machen die weißen Teufel total „niggerverrückt“) das ich inzwischen meine relative Ruhe von dem Hautfarbenthema habe? Lag es daran das ich damals schon alleine wegen meiner Kleidung sehr auffällig war und diese Kombination – Hautfarbe + provozierender Kleidungsstil – ein Ticken zu viel des Guten für meine durchschnittlich toleranten oder intoleranten rotbackigen Mitgesellschatfsinsassen war?

Kein Plan. Ich habe keine Antwort. Ist mir aber auch egal. Es reicht mir und dient meinem relativen Seelenfrieden das ich i.d.R. von Hinweisen auf meine andersartige, exotische Hautfarbe unbehelligt bleibe. Ich nehme es Manchen inzwischen sogar ab wenn sie behaupten dass sie Hautfarben überhaupt nicht mehr registrieren und ich argwöhne auch nicht mehr und denke sofort an den kleinstädtischen Positivrassismus, wenn mich blonde Wursthaarfrauen ansprechen und sich auf irgendeine Art und Weise für mich interessieren (so wie dicken Frauen auch bestimmt klug daran tun, nicht sofort an Fettfetischisten zu denken, sobald sie ein Kerl gut findet). Ein selbstbestimmtes Leben bedeutet für mich, mich mit dem Hautfarbenthema nur dann beschäftigen zu müssen, wenn ich das möchte. Eine antirassistische Praxis meiner (weißen) Umgebung kann demzufolge nur so aussehen, dass ich von Kommentaren und Meinungen zu meiner Hautfarbe weitestgehend unbehelligt bleibe.

And now something completely different:

Die Mädchenmannschaft (gibt es aktuelle feministische blogs eigentlich auch in nicht-dumm?) rührt mit in einer trüben Suppe, die mir schon beim bloßen dran schnuppern den Mageninhalt hochkommen lässt. Noch mehr: Vor diesen Leuten habe ich wirklich Angst! Nachdem man nach jahrelangem Reden, Schreiben und Diskutieren wenigstens die schlimmsten Auswüchse des postmodernen Queernesstheorie-Terrors der Neunziger in den Griff bekommen hat (ich erinnere mich an Plenas in den späten Neunzigern, von denen Leute wegen breitbeinigem Sitzen oder wegen „mackerhaft gucken“ verwiesen wurden und auch ich habe mich mehrfach in Stöckelschuhe gezwängt um nicht als Sexist und Antifamacker geoutet zu werden) und wenigstens inzwischen mit den meisten Linken wieder halbwegs vernünftig über die Kategorien: Natur, zweite Natur, Geschlecht und damit vermittelt auch über Wahrheit und Wirklichkeit reden kann, basteln diese Horrorleute schon an neuen Instrumenten des verbalen Terrors, um die Szene in den nächsten kollektiven Abgrund der Denkferne zu treiben. Ich sage vorraus: „PoC, people of colour, WoC, women of coulour, Empowerment, safer space, PoC-safe(r)panels, awareness“ und die anderen aus der amerikanischen critical-whiteness Forschung abgekupferten Anglizismen werden demnächst das postmoderne Wortwaffenarsenal aus „Sprechort, Sprecherrolle, Determinante…etc.“ ergänzen und erst durch die Dummheit der Rezipientinnen wirklich zum tragen kommen. Wenn sich diese bemittleidenswerten Leute – die sich Lenin sei dank aktuell noch ausschließlich gegenseitig terrorisieren – erst einmal einig sind und gemeinsam auf die linke Szene losgehen, dann Gnade uns die Vernunft. Postmodern attack 2.0 wird kein Zuckerschlecken! Es wird sich mit der Praxis dieser Leute ähnlich verhalten wie mit dem Konzept der Definitionsmacht. Aus vielleicht „guter“ Absicht und nicht vorhandenen Einsichten in die objektive Wirklichkeit, werden schlechte Konzepte gestrickt, die dann von dummen Halbirren, die ihre subjektiven Wahrnehmungen – gar als „Opfer“ oder Opferanwalt – als absolut setzen wollen und meinen mit aller Gewalt in ihrer Umgebung/in ihrer Szene/in ihrem AZ durchdrücken zu müssen. Die traditionell opferaffine Linke wird da kein intellektuelles Gegenmittel parat haben und mindestens ein Jahrzehnt benötigen um sich diesen Denkdreck – der wie gehabt vehement zum unmittelbaren Handeln/zur Umsetzung in der „Praxis“ drängt – wieder vom Hals zu schaffen. Das wird ein Hauen und Stechen, ein Heulen und Zähneklappern, ein Jammern und Klagen, ein Glauben und vom Glauben-abfallen. Weil sich die israelsolidarische Linke leider mit den Postmodernen überkreuzt, werde auch ich meine Portion von diesem aufziehenden Unglück abkriegen. Ich werde mir dann wieder verstärkt Gedanken machen dürfen über meine Hautfarbe – also über mein „PoC“-Sein – , gepaart mit meinem „männlichen Sprechort“, über „vielfältige Rassismen“ und über meine „weiße Sprechdeterminante“. Dieser Selbstortur dürfen sich gerne meine weißen Mitmenschen unterziehen, die sich ihres Weißseins nach wie vor allzu unsicher zu sein scheinen. Ich werde das dann als antirassistische Rache für 500 Jahre Sklaverei werten, genauso wie ich den schwarzen Prediger auf der Zeil (die grösste Einkaufsstrasse in FFM) als die Rache für jahrhundertelange Zwangschristianisierung werte. Africa strikes back!

Ob meine Unkenrufe wahr werden oder nicht: Eins kann ich in dem Fall des Wirkmächtigwerdens dieser neuen linken Variante des Irrsins garantieren: Ich gehe stiften und ich werde mich während meiner Flucht in die nächste MC-Donalds-Filiale ganz bestimmt nicht als Opfer der Rassisten begreifen, sondern als Opfer der Antirassisten.

Und weil mir schon wieder keine sinnvolle Überleitung einfällt: Something completely different part2:

Meine persönliche antirassistische Praxis, meine Gegenwehr besteht darin dass ich mich mit Leuten die mir wegen meiner Hautfarbe auf die Nerven gehen – ob originär rassistisch oder positivrassistisch – nicht abgebe. So einfach ist das. Im Zweifelsfall und in Situationen größter Bedrängnis können Rassisten auch gerne ein paar auf die Fresse haben und ich helfe auch gerne anderen Leuten dabei, das dies so oft wie möglich geschieht. Das gilt auch für die weißen Leute die sich die Frechheit einfallen lassen und mich als „people of colour“  bezeichnen und durch diese Peinlichkeit meinen irgendeinen lächerlichen MittelstandsKinderBildungsbürgerLinkeSzene-Scheisskomplex an mir abarbeiten zu dürfen. „PoC“, diese Bezeichnug ist Bullshit, wie ich schon an anderer Stelle völlig ausreichend erläutert habe.

Im Gegensatz zu einigen meiner schwarzen Mitbürger, gebe ich nix auf mein vermeintlich „schwarzes Bewusstsein“ – womit zu oft die bloße Erinnerungsarbeit an die eigentliche Herkunft aus Afrika gemeint ist. Der weiße Durschnittsantirassist macht sich ja auch keine Gedanken über seine z.B. huggenotischen Vorfahren aus Frankreich. Warum sollte ich das dann tun? Ich habe ein Bewusstsein darüber dass ich schwarz bin und welche Folgen das für mich in Deutschland haben kann, so wie ein alter Mensch sich darüber bewußt ist dass er alt ist und welche alltäglichen Beschränkungen sein Alter mit sich bringt und ein fettleibiger Mensch nach einer TryandError-Phase leicht erahnen kann dass es für ihn im hippen Modegeschäft nebenan nur wenig zu kaufen gibt. Ich habe vor Allem ein Bewusstsein darüber welcher Klasse ich angehöre und diese Klassenzugehörigkeit und der einhergehende permanente Mangel an Geldwertzeichen beschränkt mich in meinem Alltag viel mehr, als meine Hautfarbe es je vermochte. Hinter meiner Hautfarbe und den Gedanken und Vorlieben, die ich mir allesamt selber draufgeschafft habe, ist deswegen keine originär schwarze Eigenheit mehr zu entdecken, die nennenswert über das Sammelsurium an proletarischen Durchschnittseigenheiten hinausgeht. Ich bin auch kein Träger einer „schwarzen Kultur“, die irgendwelche Onkel-Tom-Negerprediger und ihre antirassistischen weißen Handlanger meinen pflegen zu müssen. „Kultur“ – ausgesprochen aus Antirassistenmund – meint nämlich immer nur die unterschiedlichen Varianten tradierter Formen der Barbarei. Da mache ich nicht mit. Ich definiere mich auch nicht als Minderheit, negativ in der Opferrolle – also meistens durch antirassistische Fremdzuschreibungen – sondern durch die Dinge die ich real bin, die ich adhoc nicht ändern kann (und in vielen Punkten auch nicht ändern will) und die Dinge die mir Spaß machen. DAS ist unmittelbar machbare Emanzipation, DAS ist das Vorrecht der urban sozialisierten, von der festen Scholle und dem Schicksal und der „Kultur“ entwurzelten Arbeiterklasse – auch der schwarzen – die keine Bindungen und keinen fremdbestimmten Glauben mehr besitzt, außer den an ihren Arbeitsplatz und ihre selbst gewählten Präferenzen und Vorlieben. Auf irgendeine Bevorzugung aufgrund meiner Hautfarbe und auf rote Karten die von antirassistischen Streberinnen und Besserwissern z.B. während einer Diskussionsrunde gezogen werden um auf „diskriminierendes Sprechverhalten das Rassismen reproduziert“ hinzuweisen, kann ich gut und gerne verzichten. Ich fresse sie nicht, die Extrawurst um die ich nicht gebeten habe. Das was diese Leute betreiben ist eine einzige narzistische Nabelschau, spiegelbildlich umgekehrter Rassismus, eine urdeutsche Selbstfindungsarie des universitären Mittelstandssubjekts auf dem Rücken schwarzer Mitmenschen (und da ändert auch die Tatsache nichts dran, das dieser Unsinn ursprünglich in den USA maßgeblich von Schwarzen mitangezettelt worden ist), pathernalistisches Pfaffengeschwätz , nicht allzu selten eine wohlfeile Karrieregelegenheit auf dem Ticket des allerletzten universitären, ergo staatstragenden Jargons und in der Praxis meistens ein leicht zu durchschauendes Diskussionsmaneuver derjenigen Kretins und Nichtskönner, die ansonsten über keinererlei Mittel verfügen um sich mal ordentlich wichtig zu tun. Kurz: Die herkömmliche Scheisse! Solange diese Leute sich in Zukunft nicht ausschließlich auf ihre sich progressiv auswirkenden Kernkompetenzen konzentrieren und Nazis vermehrt in ihre Fressen reinschlagen und deren Stichwortgeber ans Licht der medialen Öffentlichkeit zerren, Scheinehen organisieren um Flüchtlingen den Aufenthalt in Westeuropa zu ermöglichen und ansonsten nicht die Futterluken geschlossen und die Finger von der Tastatur lassen und auch nicht auf die Einordnung u.A meiner Person unter die frechdumme Kategorie „PoC“ verzichten wollen, können die mir den Buckel runterrutschen.

Dies hier ist im Übrigen meine aktuelle Lieblingsplatte. Guck nicht so dumm, geh weida!

Danke für die Aufmerksamkeit.

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