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Unfertiges zur Lohnarbeit

April 21, 2012

Wie ertragen die Menschen in dieser Welt eigentlich die alltägliche Plackerei? Nicht die „qualifizierten“ Jobs, sondern die stumpfsinnigsten Formen der Lohnarbeit, die Arbeit auf der Plantage, das stundenlange gebückte Sitzen an Nähmaschinen, das Stehen an Fließbändern, die Rückenschmerzen, die Langeweile, den Lärm der Maschinen, das Geschrei der Vorarbeiter, die Gemeinheiten der Kolleginnen?

Ich weiß es nicht, ich erahne es nur. Ich habe eine Idee davon wie meine Kolleginnen und Kollegen all dies aushalten und weitermachen, ohne dabei durchzudrehen, oder zumindest öffentlich aus der Rolle zu fallen.

Viele plappern sinnlos vor sich her, machen dumme und noch dümmere Witze. Permanente Albernheit. Es wird getrunken oder gekifft. Manche hören Hörbücher oder Musik auf ihrem MP3-Player, während sie am Fließband, oder an der Maschine, oder sonst wo stehen und ihre einzige Lebenszeit und ihre individuelle Lebenskraft zum Vorteil Anderer hergeben. Die Kontaktfreudigen reden permanent miteinander. Fragen und antworten sinnlos und lenken sich so gegenseitig von den verhassten Handgriffen ab.

Schweigen. Viele schweigen und brüten vor sich hin. Das ist auch meine Lösung. Ich schweige und denke nach. Ich beobachte und wende den Blick auf mein Innerstes, sobald die Außenwelt nichts Interessantes mehr zu bieten hat. Ich kehre dorthin zurück wo die Entfremdung nicht mehr unmittelbar zu spüren ist. In den Garten meiner Kindheit, auf die Felder und in mein Baumhaus. Zu den Computerspielen, zur Politik, zu Schreibarbeiten, zur vergangenen Liebe, zur Lektüre, zu Rache und Allmachtsphantasien. Ich überwintere für Stunden in meiner Vorstellungswelt. Mein Körper plagt sich, mein Geist geht stiften. Die Maschine hämmert im Takt, die Gedanken folgen ihrer eigenen Melodie. Alle meine Texte sind so entstanden. Die besten Ideen kamen mir während der Lohnsklaverei.

Ich arbeite nur an zwei oder drei Tagen in der Woche. Selten mehr als acht Stunden am Stück. Ich bin kreativ und weltgewandt. Ich bin so sozialisiert. Privilegiert. Quasi „Bildungsaffin“.  Mein Kopf scheint manchmal zu zerplatzen vor Impulsen. Ich interessiere mich für Alles und jeden Blödsinn. Trotzdem fällt es mir schwer einen ganzen Arbeitstag mit genug Gedankenmaterial zu füllen, um mich von der sinnlosen Drecksarbeit die ich genötigt bin zu verrichten, ausreichend abzulenken. Nach fünf bis sechs Stunden bin ich am Ende. Der Speicher ist leer, jeder Gedanke durchgekaut wie ein altes Kaugummi. Auch ein selbst auferlegtes Denkverbot während der Reproduktionsphase zuvor hilft mir dann nicht mehr weiter. Die letzten zwei Stunden verbringe ich oft in ehrlichem Schmerz. In Langeweile. Unter Frustrationen. Kämpfend mit aufkeimenden Hassgefühlen. Panik. Verzweiflung.

Wie ich schon erwähnte: Ich arbeite pro Woche an zwei bis drei Tagen in der Fabrik. Ich verrichte harte, stumpfsinnige, reizlose, körperliche Arbeit. Ich stelle mir dabei unter Schrecken die Leute vor die eine 40 Stunden Woche oder mehr bewältigen müssen. Ich denke über die Menschen nach die sich in schlechteren Verhältnissen und unter wiedrigeren Arbeitsbedingungen noch schlimmer plagen müssen.

Das gedankliche Vakuum das während der bleiernen Zeit monotoner Bewegung entsteht, will  doch irgendwie gefüllt werden und ich komme zwangsläufig zu dem Punkt an dem ich mich über die ausbreitende Weltbarbarei nicht mehr wundere. Ganz im Gegenteil.

Ich wundere mich das die Menschen nicht sofort, an Ort und Stelle und ohne jegliche Hemmungen übereinander herfallen. Ich verstehe den Feierabendalkoholismus, ich verstehe die häusliche Gewalt, ich verstehe die zunehmende Verblendung und die massenhafte Hinwendung zum religiösen Irrsinn. Ich verstehe den Fußballfetisch, ich verstehe die brutalisierte Sprache, ich verstehe die Bildzeitungsleserei. Mir ist nach der Arbeit selber nur nach Sauferei, schnellem Sex und Schlaf zumute. Ich verstehe den Mangel an Wissbegierde… Besser: Ich verstehe den sich ausbreitenden Mangel an Bewusstsein über die Verhältnisse und ich bringe deswegen nach einer quälenden Schicht längst nicht mehr die Wut auf um meine antisemitischen, sexistischen, rassistischen und sonst wie verblendeten Kollegen und Kolleginnen in ihren falschen Ansichten zu berichtigen. Wo sollten sie die über die Verhältnisse hinausweisenden Gedanken her haben an denen ich in einer Diskussion ansetzen könnte, wenn sie seit dem Ende ihrer Pubertät unter Existenzängsten den Rücken krumm machen mussten? Ich weiß es nicht. Die Marter die der kapitalistische Produktionsprozess für die Menschen weltweit bereit hält und mein analoges Dasein als Anhängsel der Maschinerie selbst zertrümmert mir präventiv jeden einzelnen Gedanken der eventuell über das Bestehende erhaben sein könnte.

Soweit, so unfertig, so frustrierend.

Zum vorläufigen Schluss ein Video das ich selbst produziert habe. Es zeigt mich bei der Lohnarbeit (Bei Ungeduld ob der eintönigen Maschinensequenz am Anfang, spulen sie bitte bis Minute 1.50). Hingucken und mitlangweilen bitteschön:

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2 Kommentare

  1. 😦
    erinnert mich daran, wie mir damals beim erstn job als gärtner (inkl. rückenschmerzen beim monotonen stundelange unkrautjäten und herumkommandiert werden) viele dieser dinge klar geworden sind…
    lg


  2. […] nicht überbrücken, aber zumindest schlafen wir nicht alle! Wir verweisen mal auf den Blog von Schnittler! Die aktuelle Ausgabe (Heft #3) befindet sich seit einem Tag im Druck und wird bald geliefert. Wer […]



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