h1

Onkel Hans 1945

März 28, 2012

1945. Als die rote Armee am 16. April mit dem letzten Angriff auf Berlin begann, floh Hans Groth mit seiner Familie in den Keller eines zerstörten Hauses in der Innenstadt. Hier hauste er mit seiner Mutter, seinen Schwestern und einem dutzend anderen Flüchtlinge, zwischen Hausrat und Kleiderballen und wartete wie tausend andere auf das Ende der Schlacht.

Draußen dröhnten die Waffen. Immer wieder schlugen Granaten in der Nähe ihres Kellerlochs ein und der Putz rieselte von der Decke. Man aß gekochte Rüben und Pferdefleisch.

Mit dem Volkssturm wurde der letzte Widerstand formiert. Auch er kam an die Reihe. Ein unfreundlich dreinblickender SA-Mann holte in morgens aus der Notbehausung ab. Im Hof einer ehemaligen Klinik stand er kurz danach in einer Reihe mit Greisen, Kindern und Kriegsuntauglichen und bekam eine Panzerfaust und zwei Hohlladungsgeschosse ausgehändigt. Zusammen mit einem 67 jährigen Mann aus Posen, sollte er in der Nähe der S-Bahnstation Hermannstrasse in Neukölln ein Schützenloch ausheben und herannahende Panzer der roten Armee bekämpfen. Nachdem sie in einer klaffenden Lücke des aufgerissenen Straßenpflasters ihr Loch ausgehoben hatten, flüchtete sein Kamerad. Er blieb alleine zurück. Die Panzerfaust im Anschlag. Die rote Armee ließ nicht lange auf sich warten. Eine Vorausabteilung stieß durch die eilig hergerichteten Panzersperren und näherte sich dem Schützenloch. Er verpasste den richtigen Zeitpunkt zum Abfeuern seiner Waffe, starrte erschrocken auf die rasselnden Ketten, kauerte sich in sein Loch und ließ sich untätig überrollen. Die sowjetischen Panzer wurden in einen Kampf mit Volksturmmännern und Hitlerjungen, die aus den Trümmern eines nahe gelegenen Hauses schossen, verwickelt. Der Panzer wurde abgeschossen und die Besatzung verbrannte neben ihrem Fahrzeug auf dem Kopfsteinpflaster. Hans Groth überlebte gut geschützt unter der stählernen Panzerwanne.

Als das Wrack nach drei Tagen mit einem Schlepper an den Straßenrand gezerrt wurde, um den nachrückenden Truppen den Weg frei zu machen, ergab er sich den verwunderten Soldaten. Aus Hunger und Durst, aus Angst und weil er nichts besseres zu tun wusste, bot er sich dem Deutsch sprechenden Verbindungsoffizier – den es damals in jeder Fronteinheit gab – als Hilfe an. Bis zum Ende der Schlacht um Berlin, putze er russische Soldatenstiefel, fungierte als Laufbursche und ging den abgekämpften Rotarmisten bei allen sonstigen Verrichtungen zur Hand, die im Kriegsalltag hinter der Frontlinie zum Überleben notwendig waren.

Szenenwechsel.

1986. Familientreffen in Wedel. Vier Tage lang in einem Landhotel in der Heide. Alle kamen. Alle Tanten, die Ehemänner der Tanten, die Onkel und Nennonkel, Großtanten, die Oma und ihr neuer Mann aus England, die Cousins und Cousinen aus Hamburg. Diejenigen die ich leiden konnte und diejenigen die ich nicht leiden konnte. Für mich waren diese alljährlich abgehaltenen Treffen immer eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits konnte ich mit meinem Bruder stundenlang durch die unbekannte Natur tollen, oder auf dem nahe gelegenen See mit dem Ruderboot fahren, andererseits waren mir die stundenlangen Essen in feinen Restaurants und die ellenlangen Spaziergänge mit der weit verzweigten Großfamilie eher unangenehm. Der Großteil meiner Erinnerung besteht aus der Erfahrung des Stillsitzen-müssens und aus den permanenten Ermahnungen und den feuchten Küsse auf meine Stirn.

Nach dem Tagesprogramm traf man sich in einem Festsaal, oder im rustikalen Kaminzimmer des Hotels. Erst wurde gegessen, dann wurde geraucht und getrunken. Die Tanten lästerten über ihre Männer oder unterhielten sich über die Kindererziehung. Die Männer wiederum sprachen von ihren Geschäften, über Politik oder ihre vielseitigen Hobbys. Wir Kinder spielten währenddessen mit den Geschenken die uns die Verwandtschaft mitgebracht hatte, oder nutzen den steigenden Alkoholpegel und die einhergehende Toleranz der Eltern, um mit dem Feuer im Kamin zu hantieren, oder sonstiges unartiges Zeug zu treiben.

Onkel Hans war auch dabei. Er war meist still und verschlossen und wurde erst lebhafter wenn er viel getrunken hatte. Er machte dann spöttische Witze (die ich damals meistens nicht verstand) und steckte uns Kindern 50 Pfennig zu wenn es die Eltern nicht sehen konnten. Im Gegensatz zu den meisten Tanten konnte ich ihn gut leiden, weil er mich nicht ständig gängelte und statt der obligatorischen Unterwäsche von Schiesser, Süßigkeiten für uns Kinder mitbrachte. Über ihn wurden oft Witze gemacht, weil er als einziger Sohn mit sieben Schwestern aufwuchs und geschäftlich wohl nicht so erfolgreich war wie in norddeutschen Kaufmannskreisen erwünscht. „Der einzige Mann im Haus… da hast du nichts zu lachen“, hat mein Vater mal gesagt und „der Hans, aus dem ist nie was richtiges geworden“, meine Mutter.

Am letzten Tag, nach dem üblichen Tagesprogramm – wir haben irgendein Heimatmuseum besichtigt – saß ich noch lange mit an der Erwachsenentafel, weil ich es bis dahin nicht geschafft hatte die Riesenportion Schnitzel zu vertilgen, die ich mir in kindlichem Größenwahn bestellt hatte. Unter den wachsamen Augen meiner Oma, kämpfte ich noch mit den letzten Bissen und während mein Bruder mit einem Cousin auf dem Teppich herumrutschte und mit Matchboxautos spielte, beobachtete ich die Erwachsenen beim Trinken. Es gab Birnenschnaps aus langstieligen Gläsern und dunkles Bier. Meine Tanten palaverten lautstark durcheinander und unterhielten sich über irgendeinen Schlagersänger den sie wohl sehr attraktiv fanden. Onkel Hans hatte schon am Nachmittag aus einem Flachmann getrunken, war in bester Laune und mischte sich ein: „Anneliese, der würde dich doch nie küssen, wenn man dich küsst ist es doch als würde man einen Aschenbecher auslecken“. Die Angesprochene stand auf und schrie in einem herrischen Ton in die lärmende Runde: „Ach… halt doch deine Schnauze du Verräter!“. Betretenes Schweigen im Raum. Einige senkten ihren beschämten Blick auf die Tischplatte, andere starrten den ehemaligen Hitlerjungen an und warteten gebannt auf seine Reaktion. Ein Großonkel der in Russland gekämpft hatte und mich immer mit Landser-Geschichten begeisterte, bemühte sich nicht sein höhnisches Grinsen zu verbergen. Onkel Hans wurde knallrot im Gesicht, stand auf und bekam kein vernünftiges Wort aus dem Mund. Er stammelte. Ich verstand kein Wort und wendete mich fragend an meinen Vater. Der winkte ab und verschob seine Antwort auf später. Onkel Hans verließ fluchtartig den Raum und ist ab da nie wieder auf einem Familientreffen aufgetaucht.

Ich habe ihn dann nur noch einmal gesehen. Meine Mutter hat mich mal für ein Wochenende, anlässlich einer Beerdigung in Hamburg in seiner Gartenlaube einquartiert. Dort saß ich dann zwischen leeren Bierflaschen und habe nicht verstanden wie man so leben kann. Er ist dann 1990 an einem Schädelbruch gestorben, weil er nach einem Türkei-Urlaub von einer Gangway gefallen ist.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: